Flexibler Arbeitsmarkt beschert Schweiz Vollbeschäftigung
Jobwunder in den Alpen

Die Schweizer jammern am liebsten auf höchstem Niveau. "Kein Rückgang der Arbeitslosigkeit", klagt die "Neue Zürcher Zeitung". "Keine Impulse auf dem Arbeitsmarkt", jammert das Graubündner Blatt "Die Südostschweiz".

GENF. Immer, wenn die Statistiker verkünden, wie viele Eidgenossen keinen Job haben, bemitleidet sich das Land selbst - statt mit Recht zufrieden zu sein. Denn die Arbeitslosenquote liegt bei nur rund 2,7 %. In einigen Regionen, wie beispielsweise in Graubünden herrscht Vollbeschäftigung. Nur einmal in den letzten Jahrzehnten, Mitte der Neunziger Jahre, lag die landesweite Arbeitslosenrate über 5 %.

Warum steht die Schweiz so viel besser da als Deutschland, das Land der Massenarbeitslosigkeit? "Wir sind nicht von der kontinentaleuropäischen Krankheit befallen", sagt der Züricher Ökonom Rafael Lalive d?Epinay. Hauptgrund aus Sicht der Ökonomen: Der Arbeitsmarkt des Landes ist deutlich flexibler. "Kündigungsschutz und all dergleichen, so etwas gibt es bei uns so gut wie nicht", sagt der Chef-Ökonom des Wirtschaftsverbandes Economiesuisse, Rudolf Walser. Die Kündigungsfristen betragen maximal drei Monate, besonderen Schutz gibt es nur in Ausnahmefällen - zum Beispiel für Schwangere und Kranke.

Der ausgeprägte Kündigungsschutz in Deutschland hingegen hat nach Beobachtungen der "Vereinigung Schweizerischer Unternehmen in Deutschland" geradezu "abschreckenden Charakter" auf Investoren. Peter Spuhler, Thurgauer Unternehmer mit einer Fertigungsstätte für Schienenfahrzeuge in Berlin Pankow, gesteht: Ihm fehle der "Mut, hundert zusätzlich benötigte Arbeitskräfte in Berlin fest anzustellen". Denn falls er die Jobs irgendwann wieder streichen müsse, sei das fast unmöglich. "Wegen der konstant hohen Kosten rutscht der ganze Betrieb in die Gefahrenzone."

Auch die Lohnverhandlungen in der Schweiz laufen nach dem Geschmack der meisten Unternehmer. Nur jeder dritte Arbeitnehmer lässt die Gewerkschaften für sich pokern. "Diese dezentrale Lohnfindung passt einfach besser, als wenn alle Zuwächse über einen Leisten geschlagen werden", wirbt der Wirtschaftsverband Economiesuisse.

Zudem arbeiten die Beschäftigten in der Schweiz im europäischen Vergleich lange, haben weniger Urlaub und sind sogar zu Überstunden "verpflichtet" - sofern die Gesundheit mitspielt. Bei den Lohnnebenkosten nähert sich das Land dem "amerikanischen Modell" an: Gegen Krankheit müssen sich die Arbeitnehmer alleine versichern und auch um ihre Rente haben sie sich größtenteils selbst zu kümmern.

All das bringt der Schweiz regelmäßig großes Lob von marktwirtschaftlich orientierten Denkern ein. Auf dem Ranking des kanadischen Fraser Institute zählt die Alpenrepublik zu den fünf "wirtschaftlich liberalsten Staaten der Welt". Und in der Internationalen Beschäftigungsrangliste der Bertelsmann-Stiftung liegt die Schweiz auf Platz zwei - hinter dem Erdölland Norwegen.

Den Vormännern der organisierten Arbeitnehmerschaft hingegen passt die ganze Richtung nicht. "Shareholder Value, horrende Eigenkapitalrenditen, Umstrukturierungen, Fusionen, Abzockereien haben zu einer Verwilderung der Sozialpartnerschaft geführt", schimpft der Gewerkschafter Renzo Ambrosetti. Die "neoliberale Politik" habe dem Land das Problem der "Working Poor" beschert - immer mehr Menschen arbeiten mehr als 40 Stunden pro Woche, fristen aber dennoch ein Leben unterhalb der Armutsgrenze, so Serge Gaillard, Sekretär beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Betroffen sei davon inzwischen jeder zwölfte Haushalt. Zudem schreibt er den Anstieg der Beschäftigung seit Mitte der neunziger Jahre nicht dem flexiblen Arbeitsmarkt zu. "Der wahre Grund liegt in einer gelockerten Geldpolitik unserer Nationalbank und den positiven konjunkturellen Impulsen der Weltwirtschaft," ist Gaillard überzeugt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%