Flirten am Fließband
Mit Speed-Dating Geld verdienen

Henry Ford hätte es geliebt: Flirten am Fließband. In den USA entwickelt sich die durchorganisierten Liebessuche zum Geschäft. Das Ziel: möglichst viele Dates in kürzester Zeit.

Es ist Sonntagabend, und 58 Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren drängen sich in der Warburg-Lounge des New Yorker Kulturzentrums "92nd Street Y". Sie alle haben 30 Dollar Eintritt gezahlt, um in einem Saal mit vergitterten Fenstern und schmiedeeisernen Kronleuchtern auf unbequemen Stühlen Platz zu nehmen. Die sind im Kreis aufgestellt, und das hat einen guten Grund: Die Gäste sollen sich tief in die Augen blicken. Denn sie sind gekommen, um einen Partner fürs Leben zu finden. Auf ihrer rechten Brust tragen sie Aufkleber mit ihrem Vornamen und einer Nummer.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde - eine Minute pro Kandidat - läuft die Zeit: Ausgerüstet mit Checkliste und Bleistift, werden die Liebeshungrigen aufeinander losgelassen. 30 Minuten haben sie nun, um die anderen Suchenden kennen zu lernen. Rafael Risemberg, der das Treffen für die Agentur DateBait leitet, rät, nicht mehr als ein paar Minuten mit jeder Person zu verbringen - um das Treffen so effizient wie möglich zu gestalten. Und noch ein Tipp: "Je mehr Leute ihr nachher aufschreibt, umso größer ist eure Chance, ein Date zu bekommen."

Zeit ist knapp. Vor allem in einer Stadt wie New York, die - wie es eine Einheimische erklärt - "so teuer ist, dass man schneller leben muss als anderswo". Versuche, in Bars, Waschsalons und Supermärkten die zweite Hälfte zu finden, haben sich bei vielen Teilnehmern als langwierig und erfolglos herausgestellt. Und so ist das effiziente Flirten bei DateBait eine willkommene Alternative.

Risemberg, Professor für pädagogische Psychologie an der Kean University in New Jersey, kam vor fünf Jahren auf die Idee, weil er selbst auf der Suche nach einem Partner war. Zunächst organisierte er solche Treffen nur für Schwule. Später weitete er das Geschäft auch auf Heterosexuelle aus. Mittlerweile bietet er mindestens ein Treffen pro Woche an. "Man hat einfach mehr Auswahl in weniger Zeit", erklärt Risemberg.

Der Mittvierziger ist nicht der Einzige, der die effiziente Liebessuche als Geschäft entdeckt hat. Bei Speed-Dating, das sich auf jüdische Singles spezialisiert hat, sitzen zwölf bis 14 Damen an Tischen in einer eleganten New Yorker Lounge, und die Männer wechseln im Sieben-Minuten-Takt die Stühle vor ihnen. In dieser Zeit müssen die Kurzfrist-Paare entscheiden, ob sie ihr Gegenüber wiedersehen wollen. Auch Hurrydate bietet ähnliche Dienste an mit dem Slogan: "Dating should be fun and in Mass Quantities" - Flirten sollte Spaß machen und das in rauen Mengen. Und die Agentur 8Minutedating, bei der acht wechselnde Paare jeweils acht Minuten Zeit zum Kennenlernen haben, ist bereits in verschiedenen US-Städten aktiv. Demnächst will sie mit einem Franchise-ähnlichen Modell ins Ausland expandieren.

Nach einer wuseligen halben Stunde, in der die Teilnehmer aufeinander zueilen, sich über Hobbys, Vorlieben und Alter ausfragen, ist es bei DateBait so weit: Wie bei einem Multiple-Choice-Test in der Uni markieren die Teilnehmer auf ihrer computerlesbaren Karte mit Bleistift die Nummern der Kandidaten, die sie gerne treffen wollen. Dann sammelt Risemberg die Karten ein, steckt sie in seine Lesemaschine, und der Computer spuckt das Ergebnis aus: "Heute haben wir eine Übereinstimmungsquote von 65 Prozent", verkündet er. Das heißt, bei 65 Prozent stimmt die eigene Auswahl mit der des anderen überein, und die Glücklichen haben eine Verabredung sicher - ein Date eben. 45 Prozent haben sogar zwei oder mehr Treffen abgesahnt. Nun bekommen sie die Telefonnummern des anderen und müssen - das ist die DateBait Regel - auch tatsächlich ein Date verabreden.

Auch was unter einem Date zu verstehen ist, erklärt Risemberg exakt: "Ein Date ist ein Treffen von mindestens 30 Minuten an einem öffentlichen Ort."

"Das war schon eine surreale Erfahrung", sagt Adan mit der Nummer 28 nach der halben Stunde. Wenn alle aufeinander zurennen, um möglichst viel in der kurzen Zeit zu erfahren, sei das schon komisch, sagt der groß gewachsene Mitarbeiter des Metropolitan Museum of Art mit der schwarzen Wollmütze und den beigefarbenen Cowboystiefeln unter der dunklen Jeans.

Stuart und Bruce, die diesmal bei DateBait ihr Glück versuchen, waren auch schon bei Speed-Dating. "Das war etwas leichter, weil es intimer war", sagt Stuart. "Und die Frauen waren wirklich hübsch", fügt er hinzu.

Die brünette Loren mit dem orangefarbenen Rollkragenpullover über der grauen, engen Hose ist schon zum zweiten Mal dabei. "Ich finde das witzig", sagt sie und streicht sich durch ihre Locken. Sie trifft sich auch jetzt noch mit ihrem Date vom letzten Mal. Das laufe derzeit sehr gut, sagt sie mit einem Lächeln. Aber man weiß ja nie, und deshalb ist sie zur Sicherheit noch einmal bei DateBait. Und wieder hat sie Erfolg: vier neue Verabredungen.

Adan mit der Nummer 28 hat ebenfalls Glück gehabt: "Ich habe zwei Namen angekreuzt. Und beide wollen mich treffen", erklärt er. Die eine wird er im Laufe der Woche anrufen. Mit der anderen zieht er gleich anschließend los.

Quelle: Handelsblatt

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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