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Florian Gerster: Vordenker im Wartestand

Aus dem Handelsblatt vom 19. Februar 2002 Noch hat die SPD die Bundestagswahl längst nicht gewonnen. Aber schon handelt die Partei neue Ministernamen. Ganz oben auf der Liste: Florian Gerster.

Die ersten Rauchwölkchen kringeln sich bereits über den Sitzungstischen. Diesmal konnten sich die Nichtraucher im SPD-Parteirat nicht durchsetzen. Und jetzt hält es auch den Vorsitzenden nicht mehr. Gerhard Schröder, der die Zigarren so liebt, legt Florian Gerster die Hand auf die Schulter und spricht, nicht unfroh: "Also Florian, jetzt rauche ich auch."

Was soll Gerster da sagen? Als Gesundheits- und Arbeitsminister in Rheinland-Pfalz ist er qua Amt dagegen. Aber als Parteiratsmitglied in der Minderheit gibt er sich geschlagen: "Da endet die Macht eines regionalen Gesundheitsministers." Ein bisschen Selbstironie, eine Portion Understatement. Abzuwarten bleibt, ob der drahtige Sozialdemokrat sich auch als Bundesgesundheitsminister am Kabinettstisch so nachgiebig zeigen würde.

Noch sind es ein paar Monate bis zur Bundestagswahl, und noch hat die SPD die Wahl längst nicht gewonnen. Aber in Berlin wird bereits über Ersatzkandidaten für einige wenig überzeugende Minister spekuliert. Und keiner wird dabei derzeit als so aussichtsreich gehandelt wie der Mann aus Mainz.

Schon jetzt ist Florian Gerster auf einem Level angelangt, auf dem seine Schwester Petra Gerster in der Hauptnachrichtensendung des ZDF gelegentlich über ihn berichten darf. Ist Gerster doch der Erfinder des so genannten Mainzer Modells, bei dem Geringverdiener Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen und zum Kindergeld bekommen können. Und als solcher hat er unlängst einen bedeutenden Sieg errungen: Bundeskanzler Gerhard Schröder, derzeit in Sachen Arbeitsmarkt in argen Nöten, dehnte das Modell des Mainzer Ministers auf das gesamte Bundesgebiet aus. Dies bestätige die Rolle von Rheinland-Pfalz "als Modellschmiede der deutschen Sozialpolitik", verkündete Gerster stolz im Landtag.

Das Mainzer Modell hat den gelernten Betriebswirt und Psychologen in den Augen des Kanzlers endgültig zum praxisnahen Vordenker gemacht. Ähnliches ließe sich in der SPD sonst nur vom nordrhein-westfälischen Arbeitsminister Harald Schartau sagen, der wie Gerster schon für Kombilöhne und staatlich geförderte Niedriglohnbereiche plädierte, als andere in der Partei noch den vermeintlichen Arbeitsplatzwundern der New Economy huldigten.

Gersters Rückhalt in der Bundestagsfraktion war allerdings bisher nicht besonders groß. Er sei einer, der immer sehr die Öffentlichkeit suche, hieß es dort. Doch auch hier zeichnet sich ein Wandel ab. "Das Mainzer Modell war von denen, die bisher angewandt wurden, das erfolgreichste", bescheinigt ihm Klaus Brandner, sozialpolitischer Sprecher der Fraktion. Das Urteil des Abgeordneten aus Gütersloh über Gerster fällt recht positiv aus: "Ja, er ist agil, aber so ist er mir immer noch lieber als jemand, der nicht aus der Deckung kommt." Außerdem sei die Mischung aus Systemlogik und Orientierung an konkreten Lebenslagen richtig.

Szenenwechsel. In Linz am Rhein platschen die Wellen im abendlichen Licht sanft ans Ufer, im Gasthof "Zum alten Stern" schaukeln Holzschlitten und Spindeln von der Decke, der Wirt begrüßt SPD-Genossen und die Ärzteschaft des Ortes per Handschlag. Es könnte ein gemütlicher Abend werden. Wenn da nicht Florian Gerster geladen wäre. Kerzengerade und trotz fortgeschrittener Tageszeit in makellos geglättetem Hemd. Mit energischen Handbewegungen zeichnet der Minister das "magische Viereck der Gesundheitspolitik" in die Luft, spricht von notwendigem Wettbewerb und Ergebniskontrollen, bisheriger Intransparenz und der Gefährlichkeit von Kartellen.

Als der Reserveoffizier auch noch die Anbieterdominanz der Kassenärztlichen Vereinigungen anprangert, ziehen einige Ärzte die Luft hörbar durch die Nase ein. Und dann bricht es los, das Unmutsgewitter der versammelten Ärzteschaft. Als einer der Mediziner genauestens seine notwendigen umfangreichen Behandlungsmethoden im Rektalbereich erläutert, kontert Gerster gelassen: "Vielleicht können auch Nicht-Doktors mal was sagen."

Diese Souveränität, die er der Gesundheitslobby gegenüber schon lange zeigt, könnte ihm letztlich den Weg nach Berlin ebnen. Denn gerade an dieser Qualität mangelt es der derzeitigen Ressortchefin Ulla Schmidt. Das Projekt Gesundheitsreform 2003 wird sie wohl nicht mehr in Angriff nehmen. Gerster dagegen, nicht selten vom Kanzleramt kontaktiert, hat auch dazu schon einen Modellversuch angeschoben: Ab 1. April werden Patienten in Rheinland-Pfalz eine Liste der vom Arzt abgerechneten Leistungen bekommen, quartalsweise oder nach jeder Behandlung. Modellversuche als Politikersatz? "Mir sind die Unterschiede schon klar zwischen Landes- und Bundespolitik", sagt Gerster und schüttet sich in seinem reich mit moderner Kunst ausgestatteten Ministerbüro nach dem Morgenjogging die erste Tasse Kaffee ein. "Das ist wie zwischen einer Werkstatt und einem Industrieunternehmen."

Der Wechsel Gersters in die Zentrale des Deutschland-Konzerns dürfte an Schröder wohl am allerwenigsten scheitern. Die beiden schätzen sich. Im Landtagswahlkampf 2001 blieb Schröder einen ganzen Tag in Gersters Wahlkreis. Schon da machte er aus der Sympathie für die Initiativen des rührigen Parteifreunds keinen Hehl. Und dieser verbirgt ebenfalls nicht, wo er steht: "Als sich Gerhard Schröder damals gegen Oskar Lafontaine durchsetzte, habe ich tief durchgeatmet."

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