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Flotte Renner

Es musste so kommen. Nach den fahrenden Wohnzimmern mit Sesseln vorn und Blattfedern hinten und nach den tonnenschweren Straßengorillas mit mannshohem Kühlergrill sind in den USA wieder Autos mit dem Tiger unter der Haube angesagt.

Es musste so kommen. Nach den fahrenden Wohnzimmern mit Sesseln vorn und Blattfedern hinten und nach den tonnenschweren Straßengorillas mit mannshohem Kühlergrill sind in den USA wieder Autos mit dem Tiger unter der Haube angesagt. Wie in den 60er Jahren übertreffen sich die Big Three, General Motors, Ford und Chrysler neuerdings mit PS-Riesen, so genannten „Muscle Cars“. Sie sollen Imageträger sein und heißen Mustang GT, Pontiac GTO, Dodge Charger oder Cadillac CTS-V. Sie haben mindestens einen V8-Antrieb mit mehreren hundert Pferden unter der Haube.


Im Vergleich zu den Straßenraketen von einst können sie indessen heute mehr als schnell geradeaus fahren. Fahrwerk und Bremsen sind auf der Höhe der Zeit und bieten ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle bei hohen Geschwindigkeiten, das ihre legendären Vorgänger nie aufkommen ließen. Als Folge juckt im Land der engen Geschwindigkeitsbegrenzungen die PS-Gladiatoren heute trotz der stark gestiegenen Benzinpreise immer häufiger der Gasfuß. Dass viele Kommunen wegen Finanznot ihre Polizeitruppe reduzierten, wirkte zusätzlich wie eine grüne Ampel. Schlechte Straßen hin, legale Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h her: die Autobahn-Polizei in Oregon hat zunehmend Probleme mit Rasern.

Dabei sind hohe Geschwindigkeiten in den USA generell das automotive Äquivalent zu russischem Roulette. Schlechte Straßen, rudimentäre Fahrerausbildung und mangelnde Fahrdisziplin bei allgemein niedrigen Geschwindigkeiten machen schnelles Fahren lebensgefährlich. Auf der linken Spur bilden sich oft Kolonnen, rechts überholen ist alltäglich, mindestens die Hälfte aller Fahrer ist in Telefongespräche vertieft, Frauen bessern ihr Makeup auf, Pendler lassen sich ihr Frühstück schmecken, die Hinterbank ist Spielplatz für Kinder und man sieht Langstreckenfahrer, die auf der Überholspur Landkarten studieren. Das „erholsame Autofahren“, das viele Touristen an den USA loben, findet fast immer unter 120 km/h statt.

Hohe Benzinpreise ließen die Muscle Cars der 60er Jahre in den 70ern aussterben. Für die Polizei in Oregon kann sich die Geschichte nicht schnell genug wiederholen.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
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