Flucht aus Dotcom-Land
Den Startups laufen die Mitarbeiter davon

Mit Gags wie Gratispizza und Massagen kann heute kein trendiges Startup mehr seine Mitarbeiter an sich binden. Denn seit dem Crash des Neuen Marktes hat bei Bewerbern auf einmal wieder ein alter Wert Konjunktur: Sicherheit.

DÜSSELDORF. Als sich bei seinem Arbeitgeber - einem Software-Startup - die Investoren zurückzogen, fand auch Martin Schwittay, dass es jetzt Zeit zu gehen sei. "Ich habe mich gefragt: Lohnt es sich, weiter 60 oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten, wenn der Businessplan nicht umgesetzt werden kann und für mich keine Entwicklung mehr möglich ist?"

Im Januar war für den 34-jährigen Marketing- und Vertriebschef die Schmerzgrenze überschritten: Er kündigte und heuerte bei der Schwarzwälder GFT Technologies AG an, einem der größten Web-Dienstleister Europas. Denn der verbindet für Schwittay "das spannende E-Business-Thema mit der sicheren Beraterbranche" - genau die Kombination, die Startup-Flüchtlinge derzeit magisch anzieht.

IT-Experten aus Startups in der Old Economy gefragt

Wie die Ratten ein sinkendes Schiff verlassen IT-Experten seit Monaten die schlingernden Dotcom-Unternehmen. Doch unterzugehen braucht niemand: Die Tanker der Old Economy nehmen die begehrten Schiffbrüchigen gerne an Bord, und auch etabliertere Unternehmen der New Economy werfen die Netze nach ihnen aus. Allerdings lässt sich heute kaum noch ein Bewerber mit Startup-Gimmicks wie dem hauseigenen Fitness-Studio oder kostenlosen Obstkörben ködern.

Nach einer Studie der Heidelberger Personalberatung Rarecompany haben sich die Erwartungen der 25- bis 30-jährigen IT-Fachkräfte an ihren neuen Arbeitgeber dramatisch verschoben: Was heute zählt, ist ein solides strategisches Unternehmenskonzept, verbunden mit der Möglichkeit, an dynamischen Prozessen teilzuhaben. Zweitrangig sind Aktienoptionen, flache Hierarchien und flexible Arbeitszeiten.

Personeller Aderlass bei Startups

Diesen Trend kann auch Stefan Utzinger, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Conceptware AG, bestätigen. Das 1992 gegründete Softwarehaus machte Mitte 2000 kurz vor dem geplanten Börsengang einen Rückzieher - und ist heute auch wegen seiner Unabhängigkeit vom Aktienkurs beliebt bei Dotcom-Opfern.

Eine Flut von Bewerbungen aus dem Umfeld des Neuen Marktes landete in den vergangenen Monaten auf Utzingers Schreibtisch. "Bestimmt die Hälfte unserer Bewerber kommt aus Startups", schätzt er. Drei Viertel von ihnen nennen die unsichere Zukunft ihres bisherigen Arbeitgebers als Grund für die Jobsuche. Utzinger: "Denen ist die Geschäftsstrategie ihres bisherigen Unternehmens oft gar nicht klar. Die sagen mir: Ich weiß gar nicht, wie wir damit Geld verdienen wollen."

Entsprechend misstrauisch treten Ex-Startup-Mitarbeiter inzwischen auch im Vorstellungsgespräch auf. "Die Leute fragen direkt nach: Wie sieht die Finanzierung aus, und wie langfristig ist sie gesichert?" weiß Alexander Samwer, Gründer und Vorstandsmitglied des Mobiltelefonie-Portals Jamba. Noch vor einem Jahr sei es kein Problem gewesen, Mitarbeiter mit einem Gehalt von 4 000 bis 5 000 Mark plus Optionen anzuwerben. "Denen müssen wir inzwischen 7 000 oder 8 000 Mark zahlen."

Fixgehälter, Familie und Freizeit gewinnen wieder an Bedeutung

Ohnehin ist bei den Gehältern eine Rückkehr zu den Modellen der Old Economy zu erkennen. Gescheiterte Startup-Angestellte, die den Wert ihrer Aktienoptionen in den Keller sinken sahen, pochen heute wieder auf ein höheres Fixgehalt. Insgesamt sind die Bewerber jedoch bescheidener geworden - vorausgesetzt, der neue Chef bietet einen sicheren Arbeitsplatz, interessante Job-Perspektiven und eine Wochenarbeitszeit, die sich mit Familie und Freizeit vereinbaren lässt. Dafür nehmen manche Bewerber sogar einen Gehaltsverzicht in Kauf.

Was den Beschäftigten in der New Economy heute wirklich wichtig ist, lässt sich mit Geld ohnehin nicht erkaufen: Nach dem Ende der fetten Jahre wirkt ein fundiertes Unternehmenskonzept inzwischen wieder viel anziehender als die Aussicht auf einen Dienstwagen oder ein schickes Büro.

Doch immer noch verwendeten Startups zu wenig Mühe darauf, sich bei Bewerbern und Mitarbeitern als attraktives Unternehmen zu präsentieren, hat Anja Weidemann festgestellt. Die Kienbaum-Beraterin für Human Resources Management staunt über die verbreitete Laissez-faire-Haltung: "Es fehlt an ganz banalem Know-how: Wie wähle ich einen Mitarbeiter aus, wie führe ich ein Team? Oft fehlt auch überhaupt das Interesse an Führung."

Personalentwicklung kommt eine Schlüsselrolle zu

Eine Schlüsselrolle bei der Unternehmensentwicklung kommt der Personalabteilung zu. Schließlich scheitert nach einer Studie der Unternehmensberatung Arthur Andersen jedes zweite erfolglose Startup an Fehlern im Personalmanagement.

Doch den meist technikorientierten Firmenchefs in der New Economy sei dieses Problem oft gar nicht bewusst, so Anja Weidemann. "Die Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen und in der Personalabteilung jemand Qualifiziertes einzustellen und nicht einen ehemaligen Praktikanten, ist bisher noch gering." Auch deshalb nutzten bislang nur wenige Startups die Chance, mit Laufbahnkonzepten und einer langfristigen Perspektive ihre Mitarbeiter an sich zu binden.

Wer im leergefischten Bewerberteich keine IT-Fachkräfte mehr findet, der kann sie sich über Ausbildung und Weiterqualifizierung auch selbst heranziehen - so wie das Sulzbacher IT-Startup Unamite. Unter dem Motto "Learn cool stuff fast" ("Cooles Zeug schnell lernen") hat die Tochter der Unternehmensberatung Accenture das "Unamite College" in Dortmund eingerichtet. Dort werden Quereinsteiger, die "noch nicht ganz so fit im Bereich IT-Projektbegleitung sind", in acht Wochen zu E-Business-Spezialisten ausgebildet. Die Möglichkeit, den eigenen Marktwert zu steigern, kommt gut an: Auf der Cebit umlagerten Job-Interessenten in Scharen den Unamite-Stand.

Old-Economy-Elemente halten wieder Einzug

Dass es Bewerbern vor allem auf eine langfristige Perspektive und gute Arbeitsbedingungen ankommt, hat inzwischen auch Jamba-Gründer Alexander Samwer erkannt. Arbeitszeiten bis ein, zwei Uhr nachts - auch am Wochenende - mag er seinen Leuten nicht mehr zumuten. Weil erschöpfte, ausgebrannte Mitarbeiter dem Unternehmen auf Dauer wenig nützen, führten Samwer und seine beiden Brüder Elemente der Old Economy ein, "die noch vor einem Jahr als uncool galten". So richten die drei Jung-Unternehmer heute ihr Hauptaugenmerk auf Organisation und Teamaufbau statt auf einen gewaltigen Arbeitseinsatz.

Wenn sich Bewerber gegen ein Startup und für ein etabliertes Unternehmen entscheiden, steht meist der Wunsch nach gefestigten Strukturen und professioneller Führung im Vordergrund. Doch die kann die New Economy nicht immer bieten.

Mit ihrem überdurchschnittlich hohen Anteil an jungen, unerfahrenen Chefs sei sie besonders anfällig für Fehler bei der Besetzung von Führungskräften, glaubt Dr. Gerd Krampe, Geschäftsführer der Personalberatung Korn/Ferry Deutschland. Jede Fehlbesetzung könne für ein junges Unternehmen tödlich sein. "Die Mitarbeiter reagieren durch Abwandern, Leistungsverweigerung - oder treten erst gar nicht ein."

Beim Softwarehaus Conceptware hat man diese Gefahr erkannt: Dort steuern ganz bewusst keine Jungspunde, sondern erfahrene Manager von Mitte 30 bis Mitte 50 die Geschicke des Unternehmens.

Rufe nach der Gewerkschaft werden immer lauter

Wie groß die Verunsicherung in der New Economy ist, zeigen auch die immer lauter werdenden Rufe nach der Gewerkschaft. So registriert Dieter Scheitor, bei der IG Metall zuständig für die IT-Industrie, pro Woche etwa ein halbes Dutzend Anrufe von Startup-Beschäftigten, die sich nach ihren Gehaltsansprüchen bei Konkurs oder nach wertlos gewordenen Aktienoptionen erkundigen.

Aus dem "War for Talents" (Krieg um Talente) gehen deshalb nach Ansicht Scheitors nur jene Startups siegreich hervor, die möglichst schnell erwachsen werden: "Dem Konkurrenzdruck am Arbeitsmarkt können sich die New-Economy-Firmen nicht entziehen. Sie müssen sich strategisch der Old Economy anpassen - oder sie verschwinden vom Markt."

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