Flucht in die Vergangenheit
Zeitreise eines Steuerzahlers

Die Rückkehr in sein ureigenes Metier, das Tennis, hat Boris Becker sehr gut getan. Doch Ende August entscheidet sich, ob ihm der Steuerprozess gemacht wird.

Er ist nach Ullrich-Doping und Telekom-Theater das nächste Objekt der Medienbegierde im trüben Sommerloch: Ein tragischer, nicht nur vom Glück verlassener Superstar, ein Mann mit Seite-eins-Garantie für den Zeitungsboulevard. Eben noch öffentlichster Steuersünder der Republik, bedroht von Klage, Prozess und womöglich gar Haft, prangt er schon im nächsten Akt als prominentes Beziehungs-Opfer von den Titelblättern. Die Geschichten um und mit Boris Becker (34), dem zweimal "17 Jahre alten Leimener", verkaufen sich in diesen schicksalsschweren Tagen noch genau so gut wie damals.

Anderthalb Jahre nach dem letzten großen Schlagzeilengewitter, nach Scheidungsoper, väterlichen Kammer-Spielen in London und annähernd 50 "Bild"-Frontseitenstories, rückt Becker im Juli 2002 ungewollt wieder in den Mittelpunkt - und das ausgerechnet in einem Moment, da geschäftlich wie privat neue Stabilität in sein allzu turbulentes Leben zurückgekehrt schien. Zunächst erhebt die Staatsanwaltschaft bei der 4. Strafkammer des Landgerichts München 1 Anklage gegen "Becker, Boris, geboren am 22. November 1967, deutscher Staatsbürger", wegen Steuerhinterziehung von 1991 bis 1993, angebliche Deliktsumme: 10,41 Millionen Mark. Kurz darauf scheitert seine Beziehung zu Patrice Farameh.

Aber Becker spielt die Rolle, die er am meisten liebt: die des ewigen Siegers, des Weltstars, des einzig wirklich berühmten Deutschen auf diesem Planeten. In Wimbledon trumpft er als "Elder Statesman" des Tennis auf, kommentiert zwei Wochen lang pointiert und provokativ für die BBC, schreibt Kolumnen für die "Times" und lässt sich nebenher als Deutschland-Chef der Stiftung "Sport for good" (Laureus) ausrufen. In einer Talkshow plaudert Becker über die Sünden seiner Tennis-Erben, die "zu wenig professionelle Arbeit" ablieferten und "nicht genügend Leidenschaft und Show" böten, und tags darauf zeigt er lustvoll und launig in einem Schaukampf gegen Charly Steeb, wie gutes Theater auf dem angestammten Spiel-Platz auszusehen hat. "Es macht mir Spaß, mich da draußen zu präsentieren", sagt Becker.

Die Hartnäckigkeit der Staatsanwälte trifft einen neu aufgestellten Becker, der mit seiner strategischen Rückkehr in die Tennisbranche wieder festeren Boden unter die Füße bekommen hatte. Das Geschäft mit der Nostalgie hatten Beckers Berater, seine Freunde und wohl auch er selbst gerade als florierenden Markt und Chance erkannt, frische Sympathien im Land zu gewinnen. So war das Hamburger Turnier am Rothenbaum nur ein einziges Mal ausverkauft: beim Showmatch zwischen dem Deutschen und dem französischen Spaßvogel Henri Leconte. Als weiser Tennisexperte und als Star von gestern in kurzen Hosen wirkte "B.B." jedenfalls authentischer auf seine millionenschwere Fangemeinde als jener Lehrling Becker in Nadelstreifen, der sich in der Welt des Big Business naiv verzettelte. "Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln meiner Existenz", so Becker. Geraten hatte ihm zu dieser Flucht nach vorne in die Vergangenheit nicht nur aus der Ferne sein ehemaliger Manager Ion Tiriac ("Er ist am glaubwürdigsten bei allem, was mit der Marke Tennis zu tun hat"), sondern auch sein neuer Geschäftspartner und Consultant Hans-Dieter Cleven. Der stille Weggefährte, einst Vermögensverwalter der Beisheim-Gruppe (Metro), sorgte nicht nur für eine Konzentration auf gewinnträchtige Geschäftsfelder, sondern schmiss gleich auch noch überflüssigen Ballast ab - wie das Firmengebilde Boris Becker Marketing GmbH, das in hochherrschaftlichen Räumen in München-Unterföhring nichts als Kosten verursachte. Auch den Party-Becker, der sich täglich in den Treffpunkten der Schicki-Micki-Gesellschaft umtrieb, stoppte der um Seriosität bemühte Cleven.

Während Becker in den letzten Wochen als Verkäufer seiner neuen, ehrgeizigen Projekte und seiner selbst durch die Welt tourte, führte der diskrete Cleven den letzten verzweifelten Abwehrkampf mit den Steuerbehörden. Doch vergeblich: Die Anklageschrift liegt nun zur Zulassung bei den Richtern, die bis Ende August entscheiden werden, ob Becker der Prozess gemacht wird. Angeblich nur Formsache. Nachweisen wollen die Fahnder Becker schon seit Jahren, dass er sich von 1991 bis 1993 nicht, wie in seinen Steuererklärungen niedergeschrieben, in Monte Carlo, sondern überwiegend in Deutschland aufgehalten habe - ein großer und teurer Unterschied.

Die Chance eines relativ günstigen Vergleichs mit den Behörden - so wie bei Steffi Graf - ist verpasst. Die leistete vor zwei Jahren in aller Heimlichkeit eine Nachzahlung von 27 Millionen Mark. "Ich wollte das Thema vom Tisch haben. Ein für allemal", sagte Graf. Für Becker geht der Fight erst in die entscheidende Runde. Eine mögliche Verurteilung könnte auch die gerade eingeleitete geschäftliche Konsolidierung gefährden, befürchten Insider. Noch sei unklar, wie Sponsoren und Partner auf eine Zuspitzung der Lage reagieren würden - etwa DaimlerChrysler, für dessen Mercedes JuniorTeam Becker die Verantwortung trägt, AOL oder auch der Deutsche Tennis-Bund, der Becker gerade wieder als Galionsfigur für sein gefährdetes Rothenbaum-Turnier engagieren wollte.

Ende August, wenn das Landgericht sein Verdikt über eine Prozesseröffnung fällen will, wird sich Becker gerade noch einmal auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben. Im Berliner Rot-Weiss-Klub tritt er dann zu einem Schaukampf gegen Michael Stich an, live übertragen in der ARD. Wie bei einer Ringschlacht gibt es einen modischen Claim für das Duell der ungleichen einzigen deutschen Wimbledon-Sieger. Doch keiner der cleveren Marketingexperten konnte ahnen, dass es in Bälde mit dem "Stich-Tag für Boris" auch noch etwas ganz anderes auf sich haben würde.

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