Flucht vor der Realität
Meister der großen Augen

Die Asiaten kommen. Im Action-Kino verweist schon länger die Artistik von "Matrix"-Kampfchoreograf Yuen Wo Ping oder die Eleganz von Regisseuren wie Ang Lee ("Tiger & Dragon") und Zhang Yimou ("Hero") Hollywoods Haudraufs auf die Plätze. Jetzt erobern sie auch den Animationsfilm.

Figuren aus asiatischen Mangas (Comics) wie "Pokémon" oder "Dragonball Z" haben bereits Eingang in unsere Alltagskultur gefunden. Die hohe Kunst des Animé (Trickfilm) ist aber dem Kino vorbehalten, wie Hayao Miyazakis Streifen "Chihiros Reise ins Zauberland" zeigt.

Das Märchen um eine Zehnjährige, die auf einem Ausflug mit ihren Eltern unversehens in ein geheimnisvolles, von Göttern und allerlei schrägen Gestalten bevölkertes Paralleluniversum gerät, gewann im vergangenen Jahr den Berlinale-Wettbewerb. In seiner Heimat ist "Chihiro" der erfolgreichste einheimische Film aller Zeiten, geschlagen nur von "Titanic". Das hatte vorher nur ein weiterer Miyazaki-Film geschafft: Das düstere Meisterwerk "Prinzessin Mononoke". Wenn die großäugigen Helden Miyazakis übrigens an ein gewisses Almen-Mädel erinnern, ist das kein Zufall: Miyazaki war einer der Macher der TV-Serie "Heidi".

Hayao Miyazaki gilt als der Walt Disney Asiens. Disney-Regisseure wie "Toy Story"-Macher John Lasseter bezeichnen Miyazaki als Vorbild und Lehrmeister. Er selbst bekennt, Disney-Filme zwar gesehen zu haben, aber nie sonderlich von ihnen bewegt gewesen zu sein. Was daran liegen mag, dass die japanische Animé-Tradition mit ihrer Verbindung von Poesie und Gewalt über eine Tiefe und Vielschichtigkeit verfügt, die den Anspruch des westlichen Zeichentrickfilms bei weitem überflügeln. Allerdings soll auch Disney mal gesagt haben: "Wenn ich Filme nur für Kinder machen würde, wäre ich längst pleite."

Und nicht erst seit Einführung des Animations-Oscars vor zwei Jahren geriert sich auch der westliche Trickfilm als intelligente Erwachsenenkost. Doch die düsteren Stimmungen und philosophischen Schlenker des Animé, der thematische Reichtum samt einer Unzahl von guten und bösen Geistern, Göttern und Naturkräften eröffnen ein ganz neues filmisches Universum - eines, das Miyazaki mitprägte.

Geboren als Sohn eines Flugzeugfabrikanten, verwies der 62-Jährige in einer Rede auf ein Ereignis aus seiner frühesten Kindheit, das seine Geschichten bis heute prägt. 1945, Miyazaki war vier Jahre alt, wurde seine Heimatstadt Utsunomiya bombardiert. Auf der Flucht vor dem Feuer in einem Firmenwagen wurde die Familie von anderen Flüchtenden bedrängt.

"Ich weiß noch genau, wie diese Frau mit einem kleinen Mädchen an der Hand sagte: Bitte nehmen Sie uns mit. Doch der Wagen fuhr einfach weiter. Seither denke ich: Wenn in diesem Moment ein Kind gesagt hätte: Nehmt sie doch bitte mit, dann hätten eine Mutter und ein Vater vielleicht den Wagen gestoppt. Erst viel später wurde mir klar, dass ich Filme mache, in denen ein Kind in einer solchen Situation genau so etwas tut. Ich glaube, ich kann keine anderen Filme machen."

Nach der Schule hatte Miyazaki zunächst Wirtschaft studiert. Doch als er im Kino "Hakujya Den" ("Die Legende der weißen Schlange") sah, den ersten abendfüllenden japanischen Animationsfilm, beschloss er, Zeichner zu werden. "Als ich noch zur Schule ging", erinnerte sich der Regisseur in einem Interview, "spielten Mangas und Animés noch keine große Rolle in meiner Heimat. Sie wurden sogar eher verachtet und galten nicht als Kulturgut. Heute ist es genau umgekehrt." Miyazaki selbst war an diesem Wandel maßgeblich beteiligt.

1963 startete er eine Karriere als Animator, führte 1979 erstmals Regie und gründete 1985 Studio Ghibli, das asiatische Gegenstück zu den amerikanischen Disney-Studios. Dort fungiert er als Drehbuchautor, Regisseur, Chefanimator und Schnittmeister. Miyazaki schrieb Trickfilmgeschichte mit Werken wie "Sternenkrieger", "Nausicaä of the Valley of Wind" und "Prinzessin Mononoke". Inzwischen wird Miyazakis Arbeit in japanischen Museen ausgestellt. "Ich flüchte vor der Realität", gestand er einmal. "Der Animationsfilm ist mein einziges Mittel des Ausdrucks." Er habe keinen Zweifel an der Macht der Phantasie, so Miyazaki, "auch wenn die Phantasie, die unsere komplizierte Zeit zu fassen vermag, noch nicht kreiert wurde".

Er selbst ist diesem Anspruch mit "Prinzessin Mononoke" sehr nah gekommen - einem Film, der den Konflikt zwischen Natur und Kultur, die zerstörerischen Wirkungen moderner Arbeitsformen, den Konflikt zwischen individuellem Glück und Gesellschaftsmoral und die Beziehungen zu Ahnen und Göttern zu einem großartigen Ganzen verwob. Doch einen weiteren Versuch will der Japaner nicht machen.

Seit "Prinzessin Mononoke", den er als seinen anstrengendsten Film bezeichnete, spricht Miyazaki regelmäßig von Rückzug. Seine Augen seien nicht mehr so gut, er könne seine Hände nicht mehr so flink bewegen, sagte er nach der Veröffentlichung des Films. Doch so richtig kann er es offenbar noch nicht lassen, wie "Chihiro" zeigt. Und als im Februar der Regisseur des Ghibli-Films "Howl?s Moving Castle" die Arbeit niederlegte, sprang Miyazaki erneut in die Bresche . . .

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