Flüchtlingskrise auf den Kanaren
Einfallstor nach Europa

Vom Balkon des Arona Gran Hotel in Los Cristianos auf Teneriffa können Briten, Deutsche und Skandinavier ein makabres Spektakel verfolgen: Tag für Tag kommen im Hafen Motorholzboote im Schlepptau der spanischen Küstenwache an, die mit Menschen überquellen.

LOS CRISTIANOS. Vom Balkon des Arona Gran Hotel in Los Cristianos auf Teneriffa können Briten, Deutsche und Skandinavier ein makabres Spektakel verfolgen: Tag für Tag kommen im Hafen Motorholzboote im Schlepptau der spanischen Küstenwache an, die mit Menschen überquellen. Die afrikanischen Immigranten werden mit Decken, Kleidung und Essen versorgt. Journalisten laufen auf, Urlauber nähern sich mit Fotoapparaten.

Seit Anfang des Jahres sind 24 000 Westafrikaner an der Küste der Kanarischen Inseln gestrandet - etwa sechs Mal so viele wie im gesamten Vorjahr - allein 12 000 auf Teneriffa. Der Großteil der illegalen Einwanderer kommt aus den Ländern südlich der Sahara, meist beginnen sie ihre gefährliche Reise im Senegal. Rund 800 Menschen starben bis jetzt nach offiziellen Angaben bei der bis zu zwei Wochen dauernden, 1 500 Kilometer langen Überfahrt, die Dunkelziffer liegt weit höher. Am Freitag stoppte die Küstenwache erstmals ein Boot mit 200 asiatischen Flüchtlingen, vor allem aus Sri Lanka und Pakistan. Offenbar waren sie zunächst nach Westafrika gereist und von dort mit ihren Schleppern zu der Überfahrt aufgebrochen.

Die Einwohner der Kanaren, die zum Einfallstor nach Europa werden, fühlen sich in der Flüchtlingskrise allein gelassen: "Wir haben die Situation satt", sagt der konservative kanarische Regierungschef Adán Martín. Die meist männlichen Afrikaner werden nach der medizinischen Versorgung mit Bussen aufs Kommissariat gebracht. Weil die Auffanglager voll sind, müssen viele dort inzwischen auf dem Steinboden übernachten.

"Nimm mich mit zu dir nach Hause, ich will hier doch nur arbeiten", bettelt ein Senegalese. Er steht hinter den Gittern des Gartens des Kommissariats von Los Cristianos, reicht seine abgemagerte Hand, die Haut ist ausgetrocknet. Dann verschwindet er mit traurigen Augen in einem Bus, der ihn in eines der Auffanglager auf der Insel bringt. Wer nicht in seine Heimat zurückgebracht werden kann - und das ist die breite Mehrheit - landet auf dem spanischen Festland, wo er seinem eigenen Schicksal überlassen wird. Bisher konnten 17 000 Westafrikaner auf diese Weise ihren Traum, in Europa zu leben, wahr machen. Die Rückführungsabkommen mit den Herkunftsländern wirken oft nicht.

Vor allem von der Europäischen Union erhoffen sich die Kanaren Unterstützung. Doch die europäische Grenzkontrolleinheit Frontex gibt es erst seit kurzem. Spaniens Premier José Luis Rodríguez Zapatero und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben bei ihren Regierungskonsultationen vor wenigen Tagen beschlossen, Frontex zu stärken und neue europäische Initiativen auf den Weg zu bringen. Dazu gehört ein Sondergipfel zum Thema Einwanderung, der noch im Herbst in Madrid stattfinden soll. Die Frontex-Patrouillenboote sollen jetzt erstmals vor der Küste Westafrikas fahren, um Flüchtlinge zurückzubringen, bevor sie internationale Gewässer erreichen. "Im Süden Marokkos und in Mauretanien funktioniert das bereits, im Senegal läuft es erst langsam an", sagt Spaniens Frontex-Koordinator Eduardo Lobo Espinosa. Die Deutschen wollen, dass die Spanier die Grenzen dichter machen und mehr Immigranten in die Heimat zurückschicken. "Aber das können wir nicht alleine schaffen, die Situation ist sehr komplex", so Lobo Espinosa.

Dabei sind die Boote, die auf den Kanaren stranden, nur ein kleiner Teil der illegalen Einwanderung nach Spanien. Die meisten Ausländer kommen mit einem Touristenvisum aus Lateinamerika und Osteuropa. Mehr als drei Millionen Einwanderer leben heute im wirtschaftlich seit Jahren boomenden Spanien. Rund 700 000 von ihnen haben keine Aufenthaltgenehmigung, obwohl erst letztes Jahr 600 000 illegal Eingereiste die nötigen Papiere erhielten.

Die konservative Opposition fordert deshalb bessere Kontrollen und Ausweisungen, die zur Abschreckung dienen sollen. Das wünschen sich auch die Kanaren. "Zapatero soll hier endlich mal hinkommen und selbst sehen, was wir jeden Tag hautnah erleben", fordert ein Kellner des Strandcafés Bahia in Los Cristianos. "Die überrennen uns hier doch, bald sind hier nur noch Afrikaner."

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