Flüchtlingsstrom aus Afghanistan
Pakistan fordert Auslieferung bin Ladens

Pakistan hat am Montag offensichtlich ohne großen Erfolg versucht, einen drohenden amerikanischen Militärschlag gegen Afghanistan abzuwenden und das Taliban-Regime zur Auslieferung des gesuchten Terroristen Osama bin Laden zu bewegen. Die Flüchtlingswelle aus Afghanistan weitete sich aus.

bi/HB PESCHAWAR. Angesichts drohender US-Vergeltungsangriffe haben pakistanische Militärs die afghanische Taliban-Miliz gedrängt, den Extremistenführer Osama Bin Laden doch noch auszuliefern. In Islamabad nahmen US-Agenten erste Gespräche mit dem pakistanischen Geheimdienst über einen möglichen amerikanischen Militäreinsatz gegen Afghanistan auf. Die pakistanische Armee wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Radikale Islamistenparteien drohten mit massivem Widerstand gegen die Zusammenarbeit der Regierung mit den USA.

Die Taliban-Führung in Kabul ordnete unterdessen die Schließung des Luftraums an, wie ein Diplomat im benachbarten Pakistan mitteilte. Normalerweise bewegt sich dort ein großer Teil des Zivilluftverkehrs zwischen Europa und Südostasien, seit Ausbruch der Krise wird der Luftraum jedoch von den meisten Fluglinien gemieden.

Auf beiden Seiten der Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan waren am Montag Truppenverstärkungen zu beobachten. In Erfüllung eines Wunsches der USA riegelte Pakistan die Grenze weitgehend ab. Pakistan versetzte seine Soldaten am Montag in "einfache Alarmbereitschaft", wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte. Die Maßnahme betrifft zunächst offenbar nur die Bodentruppen. Der Informationsminister der Taliban, Kadratullah Dschamal, erklärte in Kabul, alle wichtigen Einrichtungen wie Militärstützpunkte und Flughäfen seien zusätzlich befestigt worden.

Der Anführer der pakistanischen Delegation, der stellvertretende Geheimdienstchef Generalmajor Faiz Gilani, sprach in Kandahar drei Stunden lang mit Taliban-Anführer Mullah Mohammed Omar. Er forderte, Bin Laden innerhalb von drei Tagen auszuliefern. Ein Taliban-Sprecher sagte am Ende der Gespräche nach Angaben der privaten afghanischen Nachrichtenagentur AIP, beide Seiten hätten alle Aspekte der Lage erörtert, "mit Ausnahme der Auslieferung bin Ladens an die USA". Bislang haben die Taliban eine Auslieferung bin Ladens strikt abgelehnt. Beide Seiten hätten aber darin übereingestimmt, die "Verstimmungen" zwischen den USA und den Taliban zu beseitigen.

Die pakistanische Regierungsdelegation bemüht sich nach Angaben des Auswärtigen Amtes auch um eine Freilassung der in Kabul inhaftierten Entwicklungshelfer. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes teilte am Montag in Berlin mit, eine Freilassung oder ein Aussetzen des Verfahrens gegen die acht Inhaftierten könne in der jetzigen Situation als Geste des guten Willens der islamischen Taliban-Regierung gewertet werden. Den vier Deutschen, zwei Amerikanerinnen und zwei Australiern wird christliche Missionierung vorgeworfen, die mit der Todesstrafe geahndet werden kann.

Der Verhandlungsort Kandahar ist das Zentrum der Paschtunen-Stämme, denen alle führenden Taliban angehören; als Aufenthaltsort Omars ist es auch deren spirituelles Zentrum. Die Nähe des geistigen Führers sichert die Stadt in den Augen ihrer Bewohner aber nicht vor amerikanischen Raketen. In Afghanistan hat eine große Fluchtwelle eingesetzt. Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerkes haben bisher rund 100 000 Menschen, die Hälfte der Bevölkerung, Kandahar den Rücken gekehrt, trotz Aufforderung der Taliban-Führung, die Wohnstätten nicht zu verlassen. Aus anderen Städten von Süd- und Zentralafghanistan kommen ähnliche Berichte.

Pakistan, das bereits über drei Millionen afghanische Flüchtlinge beherbergt, und Iran, wo zwei Millionen Flüchtlinge leben, haben in Erwartung weiterer großer Flüchtlingsströme ihre Grenzen zu Afghanistan geschlossen. Iran will sie in Pufferzonen entlang seiner Ostgrenze abfangen. Eine weitere Massenflucht und die überbelegten Kapazitäten in den Zeltstädten drohen erneut Fluchtversuche ins Ausland auszulösen, wie sie sich in den Gewässern vor Australien abgespielt haben.

Pakistan, eines von drei Ländern, die die Taliban-Regierung in Afghanistan offiziell anerkennen, hatte den USA Unterstützung zugesagt, will sich aber nicht an Militärschlägen beteiligen. Dem Land wird eine Schlüsselrolle für eine umfassende amerikanische Militäraktion zugeschrieben, bei der auch Bodentruppen nicht ausgeschlossen werden. Aus pakistanischen Geheimdienstkreisen verlautete, dass US- Spezialisten in Islamabad bereits Beratungen mit dem Geheimdienst über einen möglichen Militäreinsatz gegen Afghanistan aufgenommen hätten. Nach Angaben westlicher Diplomaten waren etwa 50 US-Agenten in der Nacht zu Freitag in Islamabad gelandet. Ein Teil von ihnen sei inzwischen in den Grenzstädten Peshawar und Quetta eingetroffen.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf suchte unterdessen gegenüber Vertretern des Klerus, politischer Parteien und der Medien nach Unterstützung für seine harte Linie gegen die Taliban. Dabei kam ihm zweifellos auch zustatten, dass sich die US-Administration aufgeschlossen zeigt gegenüber pakistanischen Wünschen. Dazu zählen, wie Finanzminister Shauqat Aziz in einem Interview mitteilte, günstigere Umschuldungskonditionen für die 30 Milliarden-Dollar-Außenschulden des Landes, mehr Kredite und ein besserer Marktzutritt. In Washington meinte die pakistanische Botschafterin Maleeha Lodhi, es gehe nicht um einen Tauschhandel, aber "wir erwarten von unseren Freunden, dass sie uns helfen, unsere Risiken zu bewältigen, die aus der Zusammenarbeit entstehen."

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