Flugschreiber ausgewertet
Tupolew-Pilot erhielt widersprüchliche Anweisungen

Der Pilot der am Bodensee verunglückten Tupolew hat unmittelbar vor der Kollision widersprüchliche Anweisungen von seinem bordeigenen Warnsystem und der schweizerischen Flugsicherung bekommen.

Reuters FRANKFURT. Während das bordeigene TCAS-Warnsystem den Flugkapitän der russischen Passagiermaschine rund 40 Sekunden vor dem Aufprall zum Steigflug aufgefordert habe, habe der Schweizer Fluglotse ihn nur eine Sekunde später dringlich zum Sinkflug angewiesen, erklärte die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) am Montag nach einer ersten Auswertung der Stimmenrekorder in Braunschweig. Zugleich sei der Pilot der DHL-Boeing von seinem bordeigenen Warnsystem ebenfalls zum Sinken aufgefordert worden. Deutsche Fluglotsen hatten in der Unglücksnacht vor einer Woche vergeblich versucht, ihre Schweizer Kollegen vor der sich anbahnenden Kollision zu warnen.

Eine knappe Minute vor dem Zusammenstoß hätten die bordeigenen Warnsysteme in beiden Flugzeugen die Piloten mit der Information "Traffic, Traffic" erstmals vor dem drohenden Zusammenstoß gewarnt, erklärte die BFU. Etwa 15 Sekunden später hätten die TCAS-Systeme den Tupolew-Piloten zum Steigflug und den Piloten der Boeing zum Sinkflug angewiesen, um eine Kollision zu vermeiden. Wiederum eine Sekunde nach dieser Warnung habe dann jedoch die Flugsicherung in Zürich die Besatzung der Tupolew dringend aufgefordert, ebenfalls zu sinken. Diese Aufforderung sei 14 Sekunden darauf wiederholt worden.

Warnsysteme des Typs TCAS (Traffic Alert and Collision Avoidance System) sind das letzte Sicherheitsnetz der Piloten. Mit Radar überwachen sie die nähere Umgebung des Flugzeuges und warnen den Kapitän eine gute Minute vor einem Zusammenstoß erstmals. Beachtet der Pilot die Warnung nicht, erhält er wenig später eine zweite Warnung des Systems: Sie weist ihn mit den Worten "Climb, Climb" oder "Descend, Descend" zum sofortigen Steig- oder Sinkflug an. Moderne TCAS-Systeme kommunizieren miteinander und sprechen das Manöver ab, so dass die Maschinen nicht in die gleiche Richtung ausweichen. Bei widersprüchlichen Anweisungen von Lotsen und TCAS sind Piloten gewöhnlich angehalten, die TCAS-Aufforderung zu befolgen. Luftfahrtexperten hatten es bislang als rätselhaft bezeichnet, dass das Warnsystem den Zusammenstoß nicht verhindert hatte.

Deutsche Fluglotsen wollten Schweizer Kollegen warnen

Die Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung (DFS) in Karlsruhe versuchten kurz vor dem Zusammenstoß vergeblich, ihre Schweizer Kollegen vor der sich anbahnenden Kollision zu warnen. Bereits knapp zwei Minuten vor dem Zusammenstoß seien die Karlsruher Lotsen von ihrem Warnsystem alarmiert worden, erklärte die DFS. Zwölf Sekunden später hätten die deutschen Lotsen versucht, die Flugleitstelle in Zürich telefonisch über eine Standleitung zu erreichen. Rund zwei Minuten lang hätten sich die Karlsruher Lotsen vergeblich um eine Verbindung bemüht. Nach Angaben der Schweizer Flugsicherung Skyguide war deren Telefonanlage wegen einer Wartung weitgehend außer Betrieb.

Die Karlsruher Fluglotsen können auf ihren Radarschirmen auch Teile der Nachbarsektoren einsehen. Die abgestürzte DHL-Boeing hätte in der Unglücksnacht wenige Minuten später in den von Karlsruhe überwachten Luftraum einfliegen sollen. Bei der DFS sind nach den Worten einer Sprecherin sämtliche sicherheitsrelevanten Systeme mehrfach vorhanden. Dies gelte für die Radaranlagen ebenso wie für Computer und Telefone.

Die Schweizer Flugsicherung, die im Zentrum der Ermittlungen nach dem Zusammenstoß der beiden Flugzeuge steht, hatte am Wochenende die Zahl der von ihr kontrollierten Flugbewegungen um ein Fünftel reduziert. Bei dem Zusammenstoß der beiden Flugzeuge waren am vergangenen Montag alle 71 Insassen ums Leben gekommen, darunter vor allem Kinder und Jugendliche. Am Wochenende waren 33 Leichen mit einer russischen Sondermaschine von Friedrichshafen aus nach Ufa zurückgeflogen worden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%