Flugzeug-Zusammenstoß
Alle Absturzopfer von Überlingen geborgen

Knapp eine Woche nach der Flugzeugkatastrophe am Bodensee sind auch die letzten beiden der 71 Toten geborgen worden.

Reuters MÜNCHEN. Vermutlich 33 Leichen sollten nach Angaben der Polizei noch am Sontagabend in ihre Heimat zurückgebracht worden. Die Bevölkerung der Unglücksregion gedachte am Wochenende in zahlreichen Gottesdiensten und Gedenkfeiern der Opfer. Bundespräsident Johannes Rau besuchte die Region und sprach den Menschen seine Anteilnahme aus.

Bis Sonntagabend waren nach Angaben der Polizei in Friedrichshafen 37 der 71 Leichen identifiziert. 33 von ihnen sollten am Abend mit einer russischen Sondermaschine von Friedrichshafen aus nach Ufa zurückgeflogen werden. Bei der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig begannen deutsche und russische Experten mit der Auswertung der Flugschreiber und Stimmrekorder der abgestürzten Flugzeuge. Ergebnisse seien wohl erst Mitte der Woche zu erwarten, sagte ein Sprecher. Die Schweizer Flugsicherung Skyguide, die im Zentrum der Ermittlungen nach dem Zusammenstoß der beiden Flugzeuge steht, reduzierte am Samstag die Zahl der von ihr kontrollierten Flugbewegungen um 20 %.

Bei dem Zusammenstoß einer russischen Tupolew mit einer Fracht-Boeing über dem nördlichen Bodensee-Ufer waren am vergangenen Montag alle 71 Insassen beider Maschinen umgekommen. Die Wrack- und Leichenteile lagen über Kilometer verstreut. Die Bergungsarbeiten waren am Wochenende durch schlechtes Wetter verzögert worden. Auch am Montag sollten wieder etwa 30 Taucher einen kleinen See nahe der Absturzstelle der russischen Tupolew nach Trümmern und Leichenteilen absuchen, sagte ein Polizeisprecher.

Bundespräsident Rau sprach in Meckenbeuren mit Rettungskräften und Bürgermeistern der betroffenen Gemeinden. Anschließend sprach er allen Betroffenen seine Anteilnahme aus und mahnte rasche Konsequenzen aus den Ergebnissen der Unfallursache an, um eine Wiederholung einer solchen Katastrophe zu vermeiden. Bislang steht die Schweizer Flugsicherung, in deren Überwachungssektor die Maschinen kollidierten, erheblich in der Kritik. Von der Auswertung der Aufzeichnungen aus den Unglücksflugzeugen erwarten sich die Flugunfallexperten, wann die Piloten von der Flugsicherung in Zürich gewarnt wurden.

Spiegel: Deutsche Flugsicherung versuchte Warnung

Nach Erkenntnissen der BFU hatte der Fluglotse der Schweizer Flugüberwachung Skyguide die russische Tupolew erst 44 Sekunden vor der Kollision gewarnt. Erst nach einer Wiederholung des Funkspruchs 14 Sekunden später hatte der Pilot den Sinkflug eingeleitet. Zur Unglückszeit war nach Angaben der BFU nur ein Flutlotse im Kontrollraum, der zwei Radarschirme gleichzeitig überwachen musste.

Allerdings waren das Kollisionswarnsystem wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet und im Zusammenhang damit auch die Hauptleitung des Telefonsystems. In den zehn Minuten vor dem Zusammenstoß habe der Züricher Flugleiter mehrfach vergeblich versucht, mit Friedrichshafen eine telefonische Verbindung herzustellen, um den Anflug einer Maschine auf den dortigen Flughafen zu koordinieren, teilte die BFU mit. Der letzte Anrufversuch sei um 23:33:11 Uhr registriert. Um 23:34:49 Uhr, 44 Sekunden vor dem Zusammenstoß, habe der Fluglotse dann die erste Sinkfluganweisung an die Tupolew herausgegeben.

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" versuchten Lotsen der Leitstelle Karlsruhe vergeblich, ihre Schweizer Kollegen telefonisch vor der drohenden Kollision zu warnen. Bereits 132 Sekunden vor dem Zusammenstoß habe das Kollisionswarnsystem in Karlsruhe das drohende Desaster mit leuchtendem Rot auf den Bildschirmen angezeigt. Etwa eineinhalb Minuten vor der Katastrophe habe ein deutscher Lotse verzweifelt versucht, Skyguide telefonisch zu erreichen, sei wegen der abgeschalteten Telefonanlage in Zürich aber nicht durchgekommen.

Skyguide übernimmt weniger Flugzeuge

Skyguide nimmt seit Samstag 20 % weniger Flüge zur Kontrolle an als bislang. Als Grund für die Maßnahme, die einige Tage gelten soll, führte ein Sprecher die Stress-Situation der Fluglotsen nach der Flugzeugkatastrophe an. Das Unternehmen überwacht auch einen Teil des süddeutschen Luftraums.

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