Flugzeugkollision am Bodensee: Mindestens 70 Tote
Doppelter Sinkflug führte offenbar zur Katastrophe

Das schwere Flugzeugunglück am Bodensee ist nach offiziellen Angaben durch einen doppelten Sinkflug der russischen Tupolew und der Boeing-Frachtmaschine ausgelöst worden. Beide Flugzeuge hätten durch den Sinkflug die Kollision am späten Montagabend verhindern wollen, bei der mehr als 70 Menschen ums Leben kamen.

dpa ÜBERLINGEN/MOSKAU. Das sagte ein Sprecher der Schweizer Flugsicherung Skyguide am Dienstag. Skyguide hatte zum Zeitpunkt des Absturzes offiziell die Kontrolle über die Maschinen. Die Tupolew war gegen 23.40 Uhr in 13 000 Metern Höhe mit einer Frachtmaschine des Paketdienstes DHL kollidiert.

Nach Angaben der Fluglinie Bashkirian Airlines kamen bei dem Unglück in der Tupolew 52 Kinder, 5 erwachsene Begleiter und 12 Besatzungsmitglieder ums Leben. Acht Kinder seien jünger als zwölf Jahre gewesen. 44 waren Jugendliche im Alter bis 16 Jahre, teilte die Fluglinie in Ufa in der Teilrepublik Baschkirien (Südural) mit. Die Kinder wollten zwei Wochen Urlaub an der nordostspanischen Costa Dorada verbringen. In der Boeing saßen ein britischer und ein kanadischer Pilot. Bis zum Vormittag wurden nach Angaben der Polizei 12 Leichen geborgen.

In ersten Reaktionen äußerten sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der Kanzlerkandidat der Union, Edmund Stoiber (CSU), bestürzt und fassunglos über das Unglück. Der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) sagte: "Wir sind zutiefst erschüttert über das grausige Unglück, das so viele Menschen in den Tod gerissen hat."

Sinkflug erst spät eingeleitet

Der Lotse habe den russischen Piloten der Tupolew drei Mal aufgerufen, seine Höhe zu ändern, sagte der Skyguide-Sprecher. Dieser habe erst dann reagiert. Der Sinkflug sei daher sehr spät eingeleitet worden. Dies habe dazu geführt, dass die Boeing durch ihr automatisches Warnsystem ebenfalls in den Sinkflug ging. Dieses computergestützte Sicherheitsinstrument ist heute in großen Flugzeugen obligatorisch.

Die brennenden Wrackteile stürzten über dem nordwestlichen Bodenseeufer ab und zerstörten mehrere Häuser. "Plötzlich ist es am Himmel ganz hell geworden. Der Himmel sah aus, als wenn er brennt", sagte Klaus Barinka, Kapitän einer Autofähre zwischen Konstanz und Meersburg. Am Boden wurde nach bisherigen Angaben niemand verletzt.

Die Katastrophe gibt den Flugsicherungen in Deutschland (DFS), Österreich und der Schweiz Rätsel auf. Die Maschinen seien bei normalem Verkehrsaufkommen zusammengestoßen. "Das ist der Albtraum der Flugsicherung", sagte der Leiter des DFS-Geschäftsbereichs Kontrollzentralen, Andreas Angenendt, in Langen bei Frankfurt.

"Englisch-Kenntnisse ausgezeichnet"

Die österreichische Luftsicherung wies Berichte zurück, es habe mit dem Piloten der russischen Maschine Probleme bei der Verständigung gegeben. "Die Englisch-Kenntnisse waren ganz ausgezeichnet", sagte Austro Control-Sprecher Heinz Sommerbauer dem Fernsehsender ORF.

Ein DHL-Sprecher betonte, die verunglückte Boeing des Kurierdienstes habe keine technischen Probleme gehabt. Bei dem Flugzeug handele es sich eine recht neue Maschine, die noch vor kurzem gründlich technisch überholt worden sei. "Das Flugzeug hatte eine klassische DHL-Ladung an Bord; Päckchen und Dokumente", fügte der Sprecher hinzu. Die beiden Black Boxes der Tupolew seien bereits geborgen worden. Dazu konnte die Braunschweiger Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung jedoch noch keine Angaben machen.

Die meisten Flugzeugtrümmer seien im Hinterland von Überlingen gesichtet worden, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Hans-Peter Walser. Auch der Bodensee werde nach Wrackteilen abgesucht. Bisher gebe es keinerlei Hinweise darauf, dass eine Maschine oder Teile davon in den See gestürzt sein könnten. Der Bodensee versorgt Mill. von Menschen in Baden-Württemberg mit Trinkwasser.

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