Flut der Herabstufungen ebbt ab
Trendwende bei Analystenprognosen

Eine wichtige Kennziffer für die Konjunktur und die Börsen hat gedreht: Die Flut der Herabstufungen von Analysten ebbt ab. Das Verhältnis positiver und negativer Prognoseänderungen hat sich verbessert. Skeptiker warnen aber vor einem Fehlsignal und vor Enttäuschungen in der Quartalssaison, die diese Woche beginnt.

FRANKFURT/M. Bislang bauten die Optimisten unter den Investoren und Bankexperten vor allem auf das Prinzip Hoffnung. Doch jetzt deutet auch eine harte Messzahl eine baldige Trendwende der Konjunktur und der Aktienmärkte an: Der Pessimismus bei den Gewinnprognosen der Analysten lässt nach.

Zwar korrigieren die Aktienexperten ihre Schätzungen weiterhin eher nach unten als nach oben. Aber das zeitweise erdrückende Übergewicht der negativen Revisionen geht zurück. Bei den Ertragsschätzungen für US-Firmen schaffte der Analystenindikator kurz vor dem Jahreswechsel die Wende. Seit kurzem hat der Trend auch für europäische Unternehmen nach oben gedreht. "Man kann jetzt von einem stabilen Aufwärtstrend sprechen", sagt Anlageexpertin Edwina Neal vom Investmenthaus Lehman Brothers.

"Das Verhältnis von Herauf- zu Herabstufungen ist einer der ersten Frühindikatoren, der einen Aufschwung in der Gesamtwirtschaft und an den Börsen anzeigt", sagt Neal. Die Lehman-Experten haben nachgewiesen, dass der Prognoseindikator im Schnitt rund sechs Monate früher dreht als die Konjunktur. Sie fanden zudem einen Zusammenhang zwischen der Analystenkennziffer und dem Börsentrend.

Hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis

"Andere wichtige Frühindikatoren wie die Stimmungslage bei den Unternehmen und die Renditestrukturkurve bestätigen das positive Signal der Analystenrevisionen", ergänzt Lehman-Volkswirtin Jane Edwards. Sie erwartet eine baldige Erholung der Konjunktur in Europa und auch - etwas schwächer - in den USA.

Auch die weniger optimistischen Strategen der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein achten auf die Trendwende bei den Gewinnrevisionen. "Wir haben immer darauf gewartet, dass die Herabstufungswelle abflaut", sagt Dresdner-Stratege James Montier. Jetzt sei genau dies eingetroffen - "doch leider sind Aktien zu teuer", dämpft Montier den Optimismus. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liege bei US-Aktien derzeit mit 50 astronomisch hoch, wenn man auch Firmen mit negativen Erträgen (= Verlusten) berücksichtige. "Die kurzfristigen Börsenaussichten haben sich allerdings verbessert", gibt Montier zu.

Fondsmanager Anko Beldsnijder von Griffin Capital Management sieht die Wende bei den Ertragsprognosen skeptisch. "Das Signal ist klar positiv, aber am Jahresanfang sind die Analysten meist optimistisch eingestellt", sagt er. Womöglich müssten die Experten im Laufe des Jahres ihre Schätzungen wieder senken.

Bislang kaum Korrekturen nach oben

Bis Ende 2001 erlebten Anleger viele negative Überraschungen bei den Quartalsberichten. Schon im Vorfeld der Bilanzmeldungen stuften Analysten ihre Prognosen nach unten. Doch in jüngster Zeit tauchen erste Lichtblicke auf - beim Handyhersteller Nokia, beim Softwarekonzern SAP und beim Netzwerkausrüster Cisco. Positive Umsatzmeldungen von SAP sorgten dafür, dass viele Analysten ihre Schätzungen sogar anhoben. Insgesamt basiert die Trendwende bei den Gewinnprognosen aber eher darauf, dass die Flut von Herabstufungen nachlässt. "Kaum ein Analyst korrigiert seine Prognosen bislang nach oben", sagen die Lehman-Experten.

Dresdner-Stratege Montier warnt vor Enttäuschungen in der neuen Quartalssaison, die diese Woche in den USA beginnt. Außerdem zeige ein Teil der Analystenprognosen keinen wirklichen Optimismus. Denn durch eine Änderung der amerikanischen Abschreibungsregeln (US-GAAP) steigen die Bilanzgewinne vieler Unternehmen automatisch, ohne dass die Ertragslage sich ändert.

In einem sind sich jedenfalls alle einig: Der Härtetest für die Prognosen kommt in den nächsten Wochen. Dann sind die Änderungen durch die US-Bilanzregeln abgeschlossen - und die neuen Quartalsergebnisse müssen zeigen, ob der positive Trend sich weiter festigt.

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