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Fonds-Kommentar: Augenmaß gefragt

Jedes Zeitalter hat seine Götzen. War es früher das Goldene Kalb, so wird heute der Shareholdervalue angebetet. Kein Vorstand kann es sich leisten, den eigenen Börsenkurs aus dem Auge zu verlieren oder wiederholt Dividendenversprechen nicht einzuhalten.
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Den größten Druck auf die Firmenlenker üben dabei die institutionellen Investoren aus, zu denen auch milliardenschwere Investmentfonds gehören. Bis vor kurzem haben die Fondsmanager die Vorstände diskret bearbeitet, wenn die vorgelegten Zahlen nicht den Erwartungen entsprachen. Nun kündigen DWS und Union Investment an, wie schon im Vorjahr auch auf Hauptversammlungen Kritik an der Führungsriege schwächelnder Unternehmen zu üben.

Das Vorpreschen der beiden Fondsriesen ist jedoch in der Branche umstritten. Deka-Chef Horst Zirener beispielsweise sieht wenig Sinn darin, Vorstände öffentlich bloßzustellen. Weder vor tausenden Aktionären noch hinter verschlossenen Türen wollen die Fondsmanager jedoch anzweifeln, ob die Hetzjagd von Quartalsergebnis zu Quartalsergebnis dem Unternehmen wirklich gut tut. Dabei sind die Risiken unübersehbar: Zu groß ist die Versuchung für Vorstände, die Zahlen zur Pflege des Börsenkurses zu frisieren. Willfährige Wirtschaftsprüfer leisten wie im Fall Enron dabei Schützenhilfe.

Wie weit die Verstrickung von Fondsmanagement und Konzernleitung gehen kann, zeigt ein Blick nach Großbritannien. Der von der britischen Gesellschaft Hermes aufgelegte Fonds European Focus soll aktiv auf die Unternehmensleitung einwirken. Bis zu 20 Prozent des Fondsvermögens dürfen die Manager in einen einzelnen Wert investieren. Vorerst steht der Fonds allerdings nur institutionellen Anlegern offen. Was passiert, wenn Fonds und Banken zu starken Druck auf Börsenneulinge ausüben, belegt die Pleitenhistorie des Neuen Marktes. Denn die aggressive und ruinöse Übernahmepolitik vieler junger Unternehmen ging auch auf die Expansionserwartungen der Investoren zurück.

Die Fondsindustrie wäre also gut beraten, ihre Macht mit Augenmaß zu nutzen und nicht auf den kurzfristigen Erfolg zu schielen. Im alten Testament hat Moses die Israeliten nach kurzem Intermezzo mit Götzenanbetung wieder auf den rechten Weg gebracht. Bleibt zu hoffen, dass die Strategen der Fondsgesellschaften dies auch ohne göttliche Eingebung schaffen.

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