Fonds mit ökologischen, ethischen und sozialen Auswahlkriterien ziehen frisches Kapital an – Sonderausstellung auf Anlegermesse IAM
Grüne Geldanlage gedeiht trotz Aktienkrise

Das Anlagevolumen in ethisch-ökologischen Fonds wächst entgegen dem negativen Branchentrend. Zwar entwickelten sich die Produkte bisher kaum besser als der Gesamtmarkt. Aber die jüngsten Bilanzskandale bringen Fonds, die auf Ökologie und soziale Kriterien achten, neuen Zulauf.

tmo FRANKFURT/M. Da freuen sich die Grünen: Während Anleger Geld aus Aktienfonds allgemein abziehen, verzeichnen so genannte nachhaltige Kapitalanlagen Zuflüsse. "Das Vertrauen der Anleger in grünes Investment ist weiter gestiegen", sagt Jörg Weber vom Branchendienst Ecoreporter.de.

Weber belegt seine Aussage in einer neuen Studie für das Öko-Zentrum Nordrhein-Westfalen: Danach investierten Anleger im deutschsprachigen Raum 2001 rund 1,9 Mrd. Euro in Umweltaktien und Fonds, die ethisch-ökologische Kriterien erfüllen. Und das trotz der Krise an den Finanzmärkten, die nachhaltige Geldanlagen ebenso traf wie konventionelle Aktienindizes. Im Boom-Jahr 2000 flossen dagegen nur 1,4 Mrd. Euro in grüne Geldanlagen.

In den USA hielt der positive Trend in den ersten sechs Monaten dieses Jahres an: In diesem Zeitraum steckten Anleger frisches Geld in Höhe von 3,5 % des Gesamtvolumens in ethisch- ökologische Investmentfonds. Alle US-Publikumsfonds zusammen verzeichneten dagegen in der gleichen Zeit massive Abflüsse.

Christoph Butz, seit kurzem Nachhaltigkeits-Experte der Schweizer Privatbank Pictet, sieht einen Grund für den Erfolg in den jüngsten Bilanzskandalen. Denn: "Nachhaltigkeitsfonds neuerer Generation sind nicht einfach ?grüne? Fonds, sondern sie beziehen bewusst soziale Aspekte mit ein, etwa Massenentlassungen, Selbstbedienungsmentalität bei Topmanagern und Transparenz in der Berichterstattung", sagt Butz. Auch Risiken bei der Unternehmenskontrolle (Corporate Governance) erfasse das Nachhaltigkeitsprinzip. Laut Alois Flatz, Research-Leiter der Schweizer Sustainable Asset Management (SAM), erkennt die Nachhaltigkeitsanalyse langfristige Risiken. "Wir können Investoren zum Beispiel sagen, ob sie ein übermäßiges Kohlendioxid-Risiko im Vergleich zum Gesamtmarkt fahren", sagt er.

Unter dem schwammigen Begriff "Nachhaltigkeit" firmieren übrigens ganz verschiedene Geldanlage-Philosophien. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ökologische, ethische und/oder soziale Aspekte in die Investmententscheidung einbeziehen. Die Zahl nachhaltiger Investmentfonds ist 2001 um 17 auf 49 gestiegen, meldet Ecoreporter. Und dieses Jahr wurden weitere Produkte aufgelegt. Daneben existieren 14 Aktienzertifikate (plus 3) im Bereich nachhaltige Investments.

Einige Anbieter präsentieren sich im Themenpark Grünes Geld auf der Internationalen Anlegermesse (IAM). Sie findet vom 7. bis 9. November in Düsseldorf statt.

Noch führt die nachhaltige Geldanlage allerdings ein Schattendasein. "Weltweit werden weniger als ein Prozent aller Investitionsentscheidungen nach Nachhaltigkeits- Kriterien getroffen", sagt Pictet-Experte Butz. Dennoch sei es ein Fortschritt, dass Investoren mit Hilfe nachhaltiger Anlageprodukte Moral und Rendite verbinden können.

Zwar sind sich Experten uneinig, ob "grüne" Investments mehr Ertrag bringen als herkömmliche Anlagestrategien. Doch eine aktuelle Analyse der European Business School und der Schweizer Privatbank Sarasin ergab: Nachhaltig investieren bedeutet keineswegs einen Rendite-Nachteil. Nachhaltigkeitsfonds, die auf dem Best-in- Class-Ansatz (Kasten) beruhen, haben zudem nur eine geringe Abweichung (tracking error) gegenüber dem Gesamtmarkt.

Zudem ist der Einfluss des Nachhaltigkeits-Trends größer, als das geringe Volumen vermuten lässt. "Die Unternehmen reagieren sehr empfindlich auf kritische Fragen von Nachhaltigkeits- Analysten und Umweltverbänden", sagt Pictet-Analyst Butz. Dahinter steckt die - durchaus berechtigte - Angst vor einem Imageschaden.

Beispiel Royal Dutch/Shell: Der Öl-Multi geriet durch die Empörung um die Förderplattform Brent Spar dermaßen unter Druck, dass er sich seitdem stark um ein "grünes" Image bemüht. Konkurrent BP hat sogar die Sonne in sein Firmenlogo aufgenommen. Hintergrund: BP ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Solarzellen. Im Vergleich zur umweltbelastenden Öl- und Gasförderung ist diese Sparte trotzdem verschwindend klein. Pictet-Analyst Butz sieht die Bemühungen der Öl-Multis denn auch realistisch. "Zwar wirtschaftet Shell heute weniger umweltschädlich als noch vor Jahren und tut auch mehr als die Konkurrenz", sagt er, "aber der Weg bis zu einer wirklich nachhaltigen Wirtschaftsweise ist noch weit".

Doch der Druck auf Nachhaltigkeits-"Sünder" wie den Ölkonzern Exxon Mobil wächst. Große Verbände haben den Konzern ins Fadenkreuz genommen, der seit Jahren massiv gegen eine umweltfreundlichere Politik kämpft. Das muss sogar Aktionäre interessieren, denen Rendite wichtiger ist als Moral, meint SAM-Experte Flatz. "Exxon ist ganz klar in Gefahr", sagt er, "ich würde die Aktie daher in einem Portefeuille untergewichten".

Links:

www.ecoreporter.de (Nachrichten zu Öko-Themen)

www.gruenesgeld.de (Infos zur Messe in Düsseldorf)

www.sarasin.ch/sarasin/show/ main/public/1,1015,2000372-2-2,00. html (Solarenergie-Studie)

www.instoec.de Bereich "Download" (Wissenschaftliche Studie zur nachhaltigen Geldanlage)

Quelle: HANDELSBLATT, 22.10.2002

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