Fonds unter der Lupe
Templeton Growth steht unter Druck

Würden Sie sich Aktientipps von einem Rechtsanwalt holen? Wohl kaum. Aber weltweit haben Anleger zwölf Milliarden Dollar dem Juristen Murdo Murchison anvertraut, der seine Karriere in einer Kanzlei in Glasgow startete. Heute hat er Schottland gegen wärmere Gefilde getauscht: Er managt den Templeton Growth Fund von den Bahamas aus.

DÜSSELDORF. In diesem Jahr hat der Fonds bis Ende Oktober einen Verlust von 20 % eingefahren. Der MSCI World, der die Aktienmärkte weltweit abbildet und keine Dividenden berücksichtigt, ist in diesem Zeitraum um 27 % abgesackt. Über drei Jahre gerechnet schaffte der Fonds aber trotz der überaus schwachen Aktienmärkte eine noch jährliche Rendite von 3 %, über fünf Jahre von gut 6 %. Im Rückblick lässt sich feststellen: In einzelnen Jahren, etwa 1998, zeigt der Fonds Ausreißer nach unten, über längere Zeiträume liegt er aber fast immer deutlich besser als der Index. Das gilt nicht erst seit Murchisons Amtsantritt. Kein Wunder, dass Fonds Consult das Produkt als "einen der besten internationalen Aktienfonds" bezeichnet und die Vermögensverwaltung Fonds Kapital ihn als "exzellentes Basisinvestment" sieht.

Der Fonds wurde 1954 von Sir John Templeton gegründet und von ihm bis 1987 geführt, danach bis 2000 von Mark Holowesko. Die Grundsätze, nach denen er arbeitet, haben sich nie geändert: Die Fondsmanager suchen Aktien heraus, die sie niedrig oder sogar unterbewertet finden und meiden oder verkaufen solche, die überbewertet sind. Dabei spielen Länder, Branchen, aktuelle Trends, Empfehlungen von Banken und womit sich die Anlegerwelt sonst noch so beschäftigt, fast keine Rolle. Sir John Templeton legte auch Wert auf Abstand zu den großen Finanzzentren dieser Welt: Keiner der 35 Analysten, die für die Fondsgesellschaft arbeiten, sitzt in New York oder London - alle residieren in Nassau/Bahamas, Fort Lauderdale/Florida, Edinburgh, Toronto und Melbourne.

Obwohl er "Growth-Fund" heißt, gehört der Fonds in die Schublade der Value-Fonds, die mehr auf Bewertung als auf Wachstum setzen - sein Name ist schon älter als diese Unterscheidung. "Value" heißt dabei nicht (wie bei manchen derart ausgerichteten Fonds), dass praktisch nur Traditionsbranchen ins Depot kommen. Im Oktober kaufte Murchison zum Beispiel China Mobile und verdiente das meiste Geld mit dem Telekomausrüster Nortel, der tief in den roten Zahlen steckt und damit sicherlich kein Musterbeispiel für eine Value-Auswahl bietet. Die größten "Tech"-Positionen im Fonds sind zurzeit Hewlett Packard und Samsung, wie Murchison auf Anfrage erläutert. "Hewlett war mit weniger als dem zehnfachen Jahresgewinn bewertet - und das erst zum zweiten Mal in den vergangenen 20 Jahren", sagt er. Insgesamt seien Tech-Aktien aber schon wieder teuer nach der jüngsten Kurserholung. Viele Konsumgüter-Aktien sind nach seiner Ansicht auch ausgereizt, er hat aus diesem Bereich zuletzt eher verkauft. Nestlé findet er jedoch immer noch attraktiv. Als deutsche Titel besitzt er Eon, Bayer und Volkswagen.

Auffällig ist, dass sich aus dem strengen Bewertungsansatz eine starke regionale Verschiebung gegenüber dem MSCI-World ergibt: Der Fonds hat jeweils rund 40 % in Nordamerika und in Europa investiert. Im Index kommt Europa dagegen nur auf 30 % und Nordamerika auf fast 60 %. Asien ist im Fonds durch starke Positionen in Hongkong und Korea - nicht in Japan - ebenfalls überrepräsentiert.

Aus der Story des legendären Fonds lassen sich drei simple Lehren ziehen: Es lohnt sich, eine eigene Meinung und viel Geduld zu haben - im Börsenboom lief der Fonds schlecht. Außerdem: Gute Analysten können echten Mehrwert bringen, wenn sie für den Anleger und nicht für die Bank arbeiten. Drittens: Wenn alle Aktien schlecht laufen, kann das beste Fondsmanagement keinen Verlust verhindern.

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