Fondsmanager: Europäische Aktien schlagen amerikanische
Die Strategen setzen auf Europa

Aktienexperten in London erwarten bald das Ende der Depression an den europäischen Börsen. Für ausgewählte Unternehmen mit einem guten Management und einer starken Position gegenüber den Konkurrenten dürfte es wieder bergauf gehen, sagen sie. Dürre Renditen erwarten sie für Anleger mit passiven Strategien.

LONDON. Aufmerksamen Beobachtern bietet sich in diesen Tagen ein gewisses Deja-Vu-Erlebnis. Londoner Fondsmanager sagen, dass die europäischen Aktien das Gröbste hinter sich haben. Die Perspektiven für einzelne Werte seien nun gut, meint etwa Alexander Lyle, einer der beiden Leiter der Europäischen Aktienstrategie beim Fondsmanager Threadneedle. "Wir sind weit genug, die Sieger herauslesen zu können."

Die Anleger dürften das mit einer gewissen Skepsis aufnehmen. Ein Ende des Abwärtstrends an den Börsen ist derzeit noch nicht zu erkennen. Vor einigen Wochen durchbrachen die Börsenbarometer fast überall in Europa Sechs-Jahres-Tiefs - auch wenn sie sich davon zuletzt wieder etwas erholen konnten. Die Ungewissheit über die wirtschaftliche Lage in Amerika, weitere Bilanzskandale und drohende Terroranschläge lähmen die Märkte.

Die Experten zeichnen ein anderes Bild. In Zukunft, so glauben sie, dürfte es wieder mehr Gewinner geben: "Die Bewertungen sind fair, die Kurs-Gewinn-Verhältnisse liegen auf realistischen Niveaus. Jetzt kann man sich auf einzelne Unternehmen konzentrieren", sagt Fondsmanager Lyle. Das gilt allerdings nur für europäische Firmen. Amerika wird seiner Ansicht nach noch eine ganze Weile unter dem Worldcom- und Enron-Trauma und dem daraus entstehenden beträchtlichen Vertrauensverlust leiden. Die wirtschaftlichen Daten deuten auf eine größere Erholung in Europa als in den USA und Großbritannien aus, heißt es bei Schroders.

In eine ähnliche Richtung argumentiert auch Richard Buxton vom Vermögensverwalter Schroders. Seiner Ansicht nach ist die Marktrichtung zwar volatil oder geradezu "trendlos". Vor allem deshalb müsse man sich nun eher auf einzelne Unternehmen konzentrieren. Das so genannte Index-Tracking, das die Abbildung eines Index zum Ziel hat, sei passé. "Reines Index-Tracking und die pure Kaufen-und-Halten-Strategie werden in diesen Tagen zunehmend unattraktiv." Das Erfolgsgeheimnis sind vielmehr Unternehmen mit einem starken Markennamen und überzeugenden Management, mit soliden Geldzuflüssen und einer starken Bilanz.

In den Zeiten der neuen Vernunft achten die Analysten neben der Positionierung der Unternehmen zudem auf Aspekte wie Markteintrittsbarrieren: "Wenn potenzielle Konkurrenten relativ problemlos auf den Markt kommen können, verfallen über kurz oder lang die Preise", sagt Lyle. Deshalb schaut er sich derzeit den Pharmasektor an, der auf Grund der hohen Forschungs- und Entwicklungskosten nur begrenzt Konkurrenz zulässt. Für Ölfirmen wie BP und Royal Dutch/Shell bleibt seiner Meinung nach das Umfeld äußerst positiv, weil hier viele Aspekte stimmen: Neben hohen Eintrittsbarrieren für Konkurrenten garantiert das Geschäft soliden Cash-Flow. Der Ölpreis dürfte auf Grund der ständigen Krisenherde in Nahost und Irak mittelfristig hoch bleiben. Zudem spielt eine mögliche - wenn auch moderate - wirtschaftliche Erholung den Energieproduzenten in die Hände.

Unternehmen mit Wachstumsstorys

Für Threadneedle kommen nach dieser Defintion Unternehmen wie die britische Supermarktkette Tesco in Betracht, die nach Ansicht von Lyle den besten Namen und die stärksten Produkte besitzt. Der Getränkekonzern Diageo stellt für Lyle "eine echte Wachstumsstory" dar. Die Bank von Irland ist für Schroders eine der fünf am stärksten gewichteten Aktien. Mit 18 % Umsatzwachstum und einer noch höheren erwarteten Eigenkapitalrendite ist die Aktie der Favorit. Zu den am meisten unterschätzten Häusern gehört nach Schroders-Meinung die schwedische Bank SEB. Das neue Management setze ein dramatisches Sparprogramm um. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktie liege derzeit deutlich unter zehn, die Analysten bewerten nach Ansicht von Schroders zudem die Aktie als zu schlecht.

Zwar bevorzugen die Analysten in Zukunft eher den Stock-Picking-Ansatz. Dennoch glauben sie, dass sich auch der Gesamtmarkt in den nächsten Monaten von seinen schlimmsten Tiefständen weg bewegen kann. Bei Threadneedle geht man davon aus, dass sich die Aktien in Europa innerhalb eines Monats schon wieder um 10 % verbessern könnten.

Bis Ende des Jahres sollte ein Anstieg im zweistelligen Bereich auf jeden Fall möglich sein - wenn die wirtschaftliche Erholung bis dahin in der erhofften Weise läuft. Auch Prognosen dieser Art haben aufmerksame Anleger allerdings schon mehr als einmal hören können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%