Ford büßt Vertrauen ein
Ein Zeuge auf der Anklagebank

Die Unfallserie mit Firestone-Reifen beschädigt jetzt auch Ford-Chef Jacques Nasser. In einer Anhörung des Kongresses macht der Ford-Chef eine schlechte Figur. Dazu kommen Management-Probleme. Der Konzern hat das Vertrauen der Konsumenten und Analysten verloren.

Der Ford-Chef versinkt fast zwischen den beiden Männern in den hellgrauen Anzügen. Jacques Nasser sieht so eingezwängt auf der Anklagebank noch kleiner aus, als er ohnehin ist. Streng genommen tritt der gedrungene Mann nicht als Angeklagter auf, sondern als Zeuge, aber schon nach kurzer Zeit der Anhörung im Kongress wirkt er wie ein Beschuldigter.

"Man kann alle Firestone-Reifen vom Ford Explorer austauschen, und der Explorer wird sich weiter überschlagen", wirft ihm einer vor. Und ein anderer fragt: "Tauschen wir nur die Reifen mit schlechteren aus?" Der eine ist Firestone-Chef John Lampe. Von ihm hatte Nasser Angriffe erwartet. Der andere jedoch ist ein Kongressabgeordneter, Billy Tauzin, der Vorsitzende des Ausschusses für Energie und Handel, der hier acht Stunden über einen Fall berät, in den sich zwei Unternehmen so verkämpft haben, dass zumindest eines von ihnen dauerhaften Schaden davon tragen wird. Und am Abend des Dienstag sah es ganz so aus, als würde das Ford sein und sein Chef Nasser. Ein gereizter Mann mit roter Krawatte, der ein ums andere Mal sagt: "Es waren die Reifen, nicht das Auto." Der Führer eines Unternehmens, das General Motors überholen wollte und dem nun das Benzin ausgegangen ist.



Firestone und Ford haben dem Ausschuss Ergebnisse von Studien vorgelegt, die jede ganz eindeutig beweisen, dass jeweils der andere die Schuld trägt an den mehr als 200 tödlichen Unfällen, die die US-Verkehrssicherheitsbehörde mit Ford Explorer-Modellen und Firestone-Reifen in Verbindung bringt.



Der Auftritt der Firmenbosse ist vorläufiger Höhepunkt einer Krise, die im vergangenen Sommer begann. Statt schnittiger Werbespots liefen damals wochenlang Bilder abgelöster Gummimäntel und schlammverspritzter, auf dem Dach gelandeter Ford Explorer im US-Fernsehen. Bis Mai hatte der Ford-Konzern 6,5 Millionen Firestone- Reifen von den Wagen seiner Kunden montieren lassen. Der Explorer ist nicht irgendein Wagen, das Sport-Geländefahrzeug ist der wichtigste Umsatzträger und steuert einen erheblichen Teil zum Konzern-Gewinn bei.



Am 22. Mai dieses Jahres, nur wenige Wochen, nachdem ein neues Modell des Explorer auf den Markt gekommen war, meldete Nasser, er müsse weitere 13 Millionen Firestone-Reifen am Ford Explorer austauschen. In Tests hätten sie gefährliche Schwächen gezeigt. Es ist die größte Rückrufaktion in der Geschichte der Automobil-Industrie. Kosten: drei Milliarden Dollar.



Billy Tauzin, der gewichtige Vorsitzende des Ausschusses, sagt, ihm lägen Daten vor, nach denen sieben der Reifenmodelle, die Ford gegen die Firestone-Pneus austauschen will, höhere Ausfallraten aufweisen als die von Firestone. Eines der Modelle soll eine Ausfallrate von 124,4 pro eine Million Reifen haben. Bei Firestone-Reifen liegt die Quote nach Angaben von Ford dagegen nur bei 15 pro eine Million. Akzeptabel nennt Ford eine Ausfallquote von fünf pro eine Million.



Als Nasser das hört, bewegen sich seine Mundwinkel unter der Anspannung nach unten. Und als der Republikaner sagt, er wolle die Daten der Sicherheitsbehörde weitergeben, die innerhalb von 30 Tagen entscheiden soll, wie exakt diese Informationen sind, hält es Nasser nicht mehr aus: "Herr Vorsitzender, wir sollten nicht 30 Tage warten. Wenn wir die Informationen haben, sollten wir innerhalb von 30 Minuten handeln", unterbricht er ihn schroff. Der Manager hat, wie er sagt, erst am Morgen der Anhörung durch die Zeitungen von dem neuen Datenmaterial erfahren. Und auch, dass die Verkehrsbehörde demnächst die Sicherheit des Ford Explorer untersuchen will und nicht nur die der Reifen, wurde erst da bekannt.



Während Jacques Nasser weiter Firestone die Schuld zuschiebt, werfen neue Meldungen aus der Branche immer mehr Fragen nach seinem Führungsstil auf: In einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts J.D.Power & Associates rangiert Ford unter den sieben größten Autoherstellern der Welt auf dem letzten Platz. Das Research Institut Harbour & Associates stellt fest, dass im Konzern die Leistung je Arbeitskraft im vergangenen Jahr um sieben Prozent gefallen ist.



Die US-Autoverkaufs-Zahlen im Mai meldeten einen abnehmenden Absatz beim Ford Explorer. Magazine rechnen vor, dass die Kosten der Rückruf-Aktion nicht die Prozesse Geschädigter einschließen. Analysten haben die Ford-Aktie abgewertet. Nasser hat das Vertrauen der Wall Street und das der Konsumenten verloren. Dazu kommt Unruhe in der Belegschaft.



Er habe zu viel zu schnell ändern wollen, sagen Experten. Seit seinem Amtsantritt Anfang 1999 hat Nasser mehrere Autokonzerne aufgekauft, ein umstrittenes Bewertungssystem für die Leistungen der Beschäftigten eingeführt, jede Menge Manager gefeuert und ein neues Management-System eingeführt. "Es gab so viele Initiativen, Kostensparprogramme, Einsatz-Truppen und Spezial-Teams, da ist übersehen worden, was wesentlich ist", glaubt David Cole vom Center for Automotive Research in Michigan.



Und jetzt noch die Vorwürfe des Kongressabgeordneten Tauzin: "Vergleichen wir nicht Äpfel und Orangen?" fragt er und bezweifelt, dass Ford die angebliche Gefährlichkeit der Firestone-Reifen wirklich belegt hat. John Lampe wird die Ergebnisse Fords später als "bestenfalls unwissenschaftlich, wenn nicht irreführend" bezeichnen.



Zum Schluss schüttelt Nasser seinem Gegner Lampe noch die Hand. Aber er erwidert nicht dessen Blick. Dann steigt er ins Auto. Es ist, natürlich, ein Ford Explorer.

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