Formel 1
Poker um neue Pisten

Die Strecke im belgischen Spa liegt Schumacher - er gewann am Sonntag dort zum sechsten Mal. Jedoch will sich die Formel 1 neue Märkte erschließen - und sucht deshalb neue Austragungsorte. Spa ist in Gefahr.

SPA. Michael Schumachers Wohnzimmer ist von einer Räumungsklage bedroht. "Es wäre eine Schande, wenn dieses Rennen das letzte in Spa sein würde. Aber diese Diskussion gab es seit Jahren, und am Ende tauchte das Rennen dann doch im Kalender auf." Die Umzugspläne aber werden konkreter, seit die belgische Regierung ihr Tabakwerbeverbot auf den 1. August 2003 vorverlegt, den Großen Preis von Belgien aber für den 31. August 2003 eingeplant hat. Grand-Prix-Vermarkter Bernie Ecclestone orakelt: "Ich frage mich, ob es realistisch ist zu sagen, dass es 2003 einen Großen Preis von Belgien geben wird." Angeblich aber soll der Brite selbst an einem Kauf der Piste interessiert sein.

Schumacher hat vorsichtshalber schon mal Abschied genommen und die Berg- und Talbahn auch mit dem Fahrrad überquert. Um festzustellen, dass die schwierigste aller Formel-1-Kurvenkombinationen auf zwei Rädern "noch viel extremer" sei. Herausforderungen, die ihn und die Ardennen-Achterbahn fest miteinander verschweißen: "Spa ist extrem von seiner Charakteristik. Und diese Strecke entspricht meinem Charakter."

Dies zeigte sich auch gestern wieder. Als erster Pilot in der Formel-1-Geschichte schaffte Schumacher beim sonntäglichen "Spa-Ziergang" den zehnten Sieg innerhalb einer Saison. Die 91 000 Zuschauer feierten den Ferrari-Star für seinen deklassierenden Start-Ziel-Erfolg. "Wir waren optimistisch, aber so etwas haben wir nicht erwartet", gestand der Allein-Unterhalter. "Das ist sicherlich das ideale und optimale Resultat, das ich mir erwünscht habe". Unterdessen drohen Heinz-Harald Frentzens Ex-Rennstall Arrows ernsthafte Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus der Formel 1. Der Internationale Automobilverband hat das Team, das am Wochenende vorzeitig abreiste und den Start absagte, offiziell zu einer ausführlichen Stellungnahme aufgefordert.

Doch nicht nur Schumis Lieblingsstrecke ist gefährdet, mittelfristig könnten auch andere europäische Formel-1-Klassiker sukzessive durch Retortenstrecken ersetzt werden - ob vor den Toren Shanghais, Moskaus oder in der arabischen Wüste. Neue, lukrative Märkte. Die Fahrer lieben Spa, doch im schnelllebigen Geschäft gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. BMW-Sportdirektor Gerhard Berger versteht die Faszination der Fahrer, sagt aber auch: "Man kann nicht nur diese Seite sehen, bei einem Grand Prix gilt es noch andere Interessen zu berücksichtigen. Bernie wird schon wissen, welches der richtige Platz ist."

Mehr als 17 Rennen pro Saison halten die Teams nicht für zumutbar, angesichts einer ganzen Schar potenzieller Ausrichter hat Ecclestone die freie Auswahl. Indirekt ein prima Druckmittel, dass die Naturrennbahnen auf dem Kontinent zu Modernisierungen zwingt. Siehe Nürburgring und Hockenheim. Die Herausforderer auf dem Neuen (Renn-)Markt haben sich für den härter werdenden Kampf gegen die Alt-Eingesessenen gut gerüstet. Regierungen und Investoren stehen hinter den Projekten, die durchweg vom Aachener Spezialarchitekt Hermann Tilke konzipiert werden. Das Positiv-Beispiel Malaysia - seit 1999 im Rennkalender - spornt andere Nationen an, deren Interesse eher im wirtschaftlichen als im sportlichen Bereich zu suchen sind.

Einen Grand Prix auszurichten, bedeutet Renommee, soll Investoren oder zumindest Touristen locken. Wie neuerdings beim Bewerber Türkei: Schumi mal als Gastarbeiter zu erleben, was für eine Attraktion! Bahrain will 2004 mit seinem arabischen PS-Themenpark der erste neue Kurs sein, wegen dem ein angestammtes europäisches Rennen in die Wüste geschickt wird. Russland könnte mit der Formel 1 den endgültigen Wechsel in die kapitalistische Liga unterstreichen, die Bagger stehen aber momentan still - es gibt die üblichen politischen Verwicklungen. Und China eröffnet sich mit der Formel 1 schon vor Olympia 2008 die Welt des Profi(t)sports.

Das Ausscheidungsfahren zwischen Tradition und Moderne hat begonnen. Auch wenn sich zur kurzfristigen Rettung von Spa ein kleiner juristisch-geographischer Trick anbietet: Der belgische Grand Prix soll notfalls als "Großer Preis von Luxemburg" ausgetragen werden - oder er wird vor die Tabak-Deadline 1. August gelegt. Die alte (Renn-)Welt ist einfallsreich, wenn es ihre Pole-Position zu verteidigen gilt.

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