Formel-1-Saisonfinale am Sonntag in Suzuka
„Michael Schumacher fehlt das Feuer“

Unter den großen Stars der Formel-1-Geschichte war Jackie Stewart der erste, der mit seinen Erfolgen auch außerhalb der Sportszene weltweite Bekanntheit erlangte. Dem Schotten gelang es Ende der Sechzigerjahre, die Gehaltsgrenze in der Formel 1 über die eine Million-Dollar-Schwelle zu drücken. Das ist lange her, in den zurückliegenden Jahren sah sich der 63-Jährige, der bei Jaguar immer noch als Berater tätig ist, vor allem als Botschafter der Formel 1.

HANDELSBLATT. Als solcher scheut er sich nicht, seine Meinung zu sagen, auch nicht vor dem letzen Saisonrennen am Sonntag in Suzuka. Er hält Michael Schumacher, der noch einen Punkt zum sechsten WM-Titel braucht, nicht mehr für den idealen Weltmeister in der Formel 1. Dem Deutschen fehlten mittlerweile Elan und Enthusiasmus, kritisiert Stewart. Dass er sich mit den Stars immer wieder mal anlegt oder auch nur gute Ratschläge gibt, ist nicht neu. Kaum jemand blieb davon verschont: Nicht Ayrton Senna, dem er mal eine zu aggressive Fahrweise vorwarf, nicht Nigel Mansell, mit dessen Art von Selbstpräsentation er genauso wenig etwas anfangen konnte wie mit den manchmal etwas unüberlegten Aktionen des Engländers. Und jetzt ist eben Schumacher an der Reihe.

Stewart sei zu lange aus dem aktiven Renngeschäft draußen und könne doch gar nicht mehr beurteilen, was sich in der Szene wirklich abspiele, wehrten sich die Kritisierten früher meist. Auf seine Rennfahrerkarriere bezogen stimmt das natürlich. Vor fast genau 30 Jahren, am 6. Oktober 1973, verabschiedete sich Stewart in Watkins Glen in den USA vom Rennsport. Einen Tag früher als geplant, nach dem tödlichen Unfall seines Tyrrell-Teamkollegen Francois Cevert. Er verzichtete auf den Start beim Grand Prix, der sein hundertster gewesen wäre. Stewart, der als Weltmeister feststand, war der Respekt vor seinem verlorenen Freund und Teamkollegen wichtiger als eine Jubiläumszahl. "Ich fühlte mich auch insgesamt leer und ausgebrannt. Und vor allem wollte ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere aufhören. Nicht dann, wenn andere sagen würden, ich hätte meine allerbesten Zeiten wohl hinter mir."

Gleiches rät er nunmehr auch Michael Schumacher: "Es ist doch für jeden Fahrer am besten, wenn er als Sieger geht. Und wenn Michael in Suzuka seinen sechsten WM-Titel holt, damit einen neuen Rekord aufstellt, dann hat er doch wirklich nichts mehr zu beweisen. Und der Druck der Jungen, der Generation Alonso-Räikkönen-Montoya, der wird immer größer werden."

Außerdem vermisst Stewart, bei allem Respekt für Schumachers Leistungen im Ferrari, dessen Einsatz für die Formel 1 generell: "Dass Michael sich jetzt schon seit Jahren im Winter immer völlig zurückzieht, ist zwar für seine Frau und seine Kinder sehr schön, aber nicht gut für die Formel 1. Ein Weltmeister, vor allem einer, der die Formel 1 seit Jahren beherrscht, muss immer für seinen Sport da sein. Irgendwie fehlt mir da bei ihm seit einiger Zeit das Feuer, die Begeisterung." Stewart gibt zu, dass er sich deshalb schon für dieses Jahr als Weltmeister Juan Pablo Montoya gewünscht hätte, weil der "diesen Elan, den Enthusiasmus, den letzten Einsatz besser vermitteln kann". Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt, beim vorletzten Rennen der Saison in Indianapolis büßte der Kolumbianer seine letzte Chance dafür ein. Auch mit dem zweiten Wunsch, dass Schumacher nach einem sechsten Titelgewinn aufhören solle, wird er kein Glück haben. "Ich denke nicht ans Aufhören. Ich liebe diesen Sport. Was könnte es besseres geben, als wenn man das tut, was man gerne macht", sagt Schumacher. Sein Vertrag mit Ferrari läuft noch bis 2006.

Stewart ist allerdings nicht allein mit seiner Meinung, dass Schumacher doch seine Karriere beenden solle, wenn er in Japan erneut Weltmeister wird. 48 Prozent der Deutschen denken genauso, hat eine vom Fernsehsender Premiere in Auftrag gegebene Umfrage ergeben. Bei Frauen und Ost-Deutschen ist die Zahl deutlich höher: 64 Prozent der Befragten aus den neuen Bundesländern und 59 Prozent aller Frauen raten Michael Schumacher nach einem erneuten Titelgewinn zum Rücktritt.

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