Forscher erwarten auch langfristig Lohnkosten-Vorteil
Exporte helfen der Industrie im Osten

Die ostdeutsche Industrie exportiert mehr als zuvor. Das könnte die Wirtschaft aus dem Tal führen. Erstmals sind sogar die Lohnstückkosten geringer als im Westen. Die Lage am Bau ist dagegen weiterhin mau.

BERLIN. Vor zwei Wochen zog die thüringische Funkwerk AG das große Los: Der Telekomausrüster aus Kölleda bekam den 40 Mill. Euro schweren Auftrag, die französischen Staatsbahnen mit neuer Mobilfunktechnik nach dem so genannten GSMR-Standard auszustatten. Für den 610-Mitarbeiter-Betrieb, der 2001 gerade mal gut 60 Mill. Euro Umsatz machte, ist das ein gewaltiger Sprung nach vorn.

Profitabel ist Funkwerk schon seit Jahren, die Deutsche Bahn hat der Mittelständler bereits mit der neuen Technologie ausgerüstet. Doch der Auftrag aus Paris könnte nun das Tor zu ganz anderen Dimensionen öffnen: "In Europa gibt es noch 30 weitere Bahngesellschaften, die die GSMR-Technologie nachrüsten müssen", heißt es in Kölleda.

Die Funkwerk AG illustriert einen erfreulichen Trend in der ostdeutschen Industrie: Die Exportquote hat sich von rund 12 % Mitte der 90-er Jahre auf mittlerweile 22 % erhöht. Die Folge: Die Industrie in den Neuen Ländern dürfte besonders vom exportgetriebenen Aufschwung, den die Ökonomen für 2003 prognostizieren, profitieren.

Die zunehmende Robustheit der ostdeutschen Wirtschaft hat sich bereits 2001 gezeigt: Während die Ost-Industrie um gut 5 % zulegte, musste die Branche im Westen ein leichtes Minus verkraften. Dieses Jahr wird das Wachstum Ost etwas geringer ausfallen, dafür aber 2003 wieder rund 7 % betragen - "wie in den fetten Jahren", erwartet Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Auch bei der Dow-Tochter BSL Olefinverbund, deren 2 200 Mitarbeiter Kunststoffe und andere Chemie-Produkte herstellen, werde das Jahr 2002 trotz einer sehr guten Auslastung "noch schweirig", heißt es am Hauptsitz Schkopau. Spätestens aber 2003, wenn die Konjunktur wieder anziehe, "geht es auch bei uns wieder nach oben", so ein Sprecher. Kein Wunder: BSL verkauft. Wäre die internationale Verflechtung der Ost-Industrie so dicht wie im Westen, wo 38 % des Geschäfts mit dem Ausland gemacht wird, "wäre das Wachstum im Osten sogar zweistellig", ist er überzeugt. Am weitesten vorangekommen sind die Autofabriken in Ostdeutschland - ihre Exportquote liegt nur noch ein Fünftel hinter der Rate der West-Branche. Weit im Rückstand ist dagegen der eher mittelständisch geprägte Maschinenbau. Dort ist die Exportquote erst halb so hoch wie in den alten Ländern.

Die gesamte Ost-Industrie profitiere weiterhin von den um rund ein Viertel niedrigeren Löhnen, betonen die Ökonomen. Erstmals haben 2001 auch die Lohnstückkosten die Schallgrenze des Westniveaus durchbrochen. Sie liegen nun bei 98 % und werden dieses Jahr weiter auf 95 % sinken, schätzt Ludwig. Der Grund: Die Produktivität hat zuletzt "einen Satz gemacht, wie schon seit Jahren nicht mehr". Sie stieg, gemessen am Westniveau, von gut 65 auf 69 %.

Zumindest Ludwig vom IWH und Wolfgang Gerstenberger, Geschäftsführer der Ifo-Niederlassung Dresden, gehen davon aus, dass der Lohnkostenvorteil der Ost-Wirtschaft angesichts der geringen Tarifbindung noch lange erhalten bleibt - "schließlich sind wir hier nicht im öffentlichen Dienst", so Gerstenberger. Sein Kollege Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hingegen ist skeptischer: Er glaubt, dass die Löhne wegen der Abwanderung in den Westen und dem zunehmenden Fachkräftemangel schneller steigen.

Insgesamt wird die ostdeutsche Wirtschaft 2002 nur 0,5 % und damit nur halb so viel wie im Westen zulegen, schätzen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrgutachten. Erst 2003 werde das Wachstum Ost mit 2,3 % westdeutsches Niveau erreichen. Damit hinken die neuen Länder schon das sechste Jahr in Folge dem Westen hinterher.

Schließen wird sich die Schere zwischen Ost und West erst, wenn der seit Jahren andauernde Rückgang am Bau ein Ende hat. Das könnte nach Ludwigs Einschätzung 2004 der Fall sein. "Am Bau haben wir Anfang der 90-er Jahre im Osten eine Party gefeiert - am Kater leiden wir heute noch", fasst sein Kollege Gerstenberger vom Ifo-Institut zusammen. Auch die Dienstleister dürften, gezogen von der Industriekonjunktur, ab 2003 wieder kräftig zulegen, erwartet Ludwig.

Damit sich der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland auch absolut verringert, müsste das Wachstum in den neuen Ländern "mindestens anderthalb mal so hoch sein wie in den alten Ländern", macht Ludwig die Dimension der Herausforderung klar.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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