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Forscher: Genom-Erforschung schwerer als erwartet

Reuters BERLIN. Trotz neuer Erkenntnisse in der Genomforschung wird die Bekämpfung von Krankheiten nach Einschätzung deutscher Wissenschaftler schwieriger als erwartet. Forscher des deutschen Humangenomprojekts sagten am Montag bei der Vorstellung von Ergebnissen bei der Analyse des menschlichen Genoms, weniger Gene als bislang geschätzt produzierten eine gleich bleibende Zahl von Eiweißstoffen, die den menschlichen Organismus steuern. Dadurch werde die Forschung komplexer. In 20 bis 30 Jahren werde jeder Mensch seinen genetischen Bauplan feststellen lassen können. Die Bundesregierung erwägt, die Freiwilligkeit von Genom-Analysen per Gesetz festzuschreiben.

Die Forscher des internationalen Humangenomprojekts (Hugo) fanden heraus, dass der Mensch nur etwa 30 000 bis 40 000 statt der bisher vermuteten 60 000 bis 100 000 Gene besitzt. Damit besitzt der Mensch etwas mehr als doppelt so viele Gene wie eine Fruchtfliege. Zu ähnlichen Erkenntnisse gelangte die US-Firma Celera Genomics unter der Leitung von Craig Venter. "Es ist gewiss, dass die Zahl der Gene sich nicht mehr drastisch ändern wird", sagte Matthias Platzer vom Jenaer Institut für Molekulare Biotechnologie.

Die Entwicklung neuer Krankheitstherapien, die man sich von der Kenntnis der Gene erwartet, werde durch die geringere Genzahl jedoch nicht einfacher, sagte Helmut Blöcker von der Braunschweiger Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF). Bisher habe man angenommen, dass ein Gen einen Eiweißstoff produziere. Nun habe man feststellen müssen, dass ein Gen für die Herstellung mehrerer Proteine zuständig sei und zudem auch noch den Umbau fertiger Proteine auslösen könne. Da die Wirkung eines Gens vielfältig sei, werde die Forschung schwieriger. Hans Lehrach vom Berliner Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik sagte: "Die Komplexität wird etwas höher, aber nicht viel." Nach Angaben des amerikanischen Genom-Forschers Eric Lander müssen nun auch die Erbgut-Sequenzen genauer untersucht werden, die keine Gene enthalten. Auch sie könnten eine wichtige Rolle im menschlichen Organismus spielen.

In 20 bis 30 Jahren könne jeder Mensch sich von Forschern seinen genetischen Bauplan erstellen lassen, sagte Lehrach. Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sagte, es gebe große Übereinstimmung in der Bundesregierung, dass niemand etwa von Versicherungen zu Genom-Tests gezwungen werden dürfe, um Krankheitsrisiken abschätzen zu lassen. Es werde derzeit diskutiert, ob und wie die dazu bestehenden Gesetze verändert werden müssten. Deutschland unterstütze die Genom-Forschung in den nächsten drei Jahren mit 870 Mill. DM. Davon sollen 350 Mill. DM in ein Genomforschungsnetz fließen.

Die Wissenschaftler wie Ministerin Bulmahn warnten, es dürfe nicht der Eindruck entstehen, durch die bisherigen Kenntnisse sei der Bauplan des Menschen bereits entschlüsselt. Bei den vorliegenden Ergebnissen handele es sich um ein "Basislager", von dem die Forscher starten könnten, sagte Platzer. Lehrach sagte, es dauere zehn Jahre "vom Verständnis eines biologischen Vorgangs bis zur Fertigstellung eines neuen Medikaments". Er rechne damit, dass es in zehn Jahren eine "größere Zahl von Medikamenten" gegen Krebs geben werde.

Mit der Veröffentlichung der von öffentlichen Geldern geförderten Analyse des menschlichen Erbguts will das internationale Humangenomprojekt die Daten jedermann zugänglich machen. Bereits im Juni 2000 hatten die Forscher als erstes Ergebnis bekannt gemacht, dass das Erbgut des Menschen aus rund 3,1 Mill. Bausteinen besteht. Die 20 Forschergruppen aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan und China veröffentlichen ihre Erkenntnisse auf der Internet-Seite "genome.ucsc.edu". Die Forschungsergebnisse der parallel arbeitenden privaten US-Firma Celera Genomics sind über die Zeitschrift "Science" abrufbar (www.sciencemag.org). Celera-Chef Craig Venter und die Hugo-Gruppe hatten sich wiederholt gegenseitig Unzulänglichkeit vorgeworfen.

Der von der Bundesregierung angekündigte Ethikrat, der sich mit den Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik befassen soll, soll nach Angaben einer Regierungssprecherin in wenigen Wochen die Arbeit aufnehmen.

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