Forscher steuern ihre Kommunikationspuppe über das Internet
Klammernder Kumpel vertritt seinen Herrn

Das Übertragen von Videokonferenzen hat die Kommunikation in Firmen verbessert. Noch einen Schritt weiter gehen nun Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie haben einen Telebuddy entworfen, eine per Internet steuerbare Puppe, die es seinem Benutzer künftig ermöglicht, virtuell an der Konferenz teilzunehmen.

DÜSSELDORF. Keine Zeit, kein Geld, keine Einladung. Sie waren wieder nicht mit dabei und ärgern sich. Was Sie bräuchten, ist ein Telebuddy. Eine Art Leihkörper, der Sie an einem anderen Ort vertritt, durch den Sie via Internet sehen, hören und sprechen können. Entwickelt wurde der virtuelle Telekumpel von Forschern am Zentrum für Graphische Datenverarbeitung Darmstadt (ZGDV) und dem Fraunhofer Institut Rostock.

Der Telebuddy ist mehr als eine mobile Webcam. Er bietet Interaktionsmöglichkeiten - hat eine menschliche Gestalt, Gestik und Mimik. "Das macht ihn zum echten Kumpel, der dazu ermuntert, mit ihm zu sprechen - was man von einer Webcam nicht gerade behaupten kann", erklärt Entwickler Thomas Kirste vom Fraunhofer für Graphische Datenverarbeitung-Institut in Rostock das Konzept.

Weltweit arbeiten Forscher und Kommunikationsunternehmen wie Motorola an Systemen möglichst authentischer und interaktiver Telepräsenz - weg von Wackelbildern und teilnehmender Beobachtung. Entsprechend sorgte der mobile Kumpel bei seinen ersten Auftritten auf Messen und in Forschungsinstituten für Aufsehen und Spaß. Weil es zu teuer ist, ihn selbstständig wie einen Roboter durch die Gegend wandeln zu lassen, wird er huckepack wie ein Rucksack getragen. Mit Hilfe in den Kopf eingebauter Kameras, Mikrofone und Lautsprecher verfolgt der Buddy das Geschehen. Er steht über Sensoren in Verbindung mit einem vernetzten Computer - seinem Gehirn. Via Web können sich die Nutzer in den Telebuddy einloggen. Zu Hause am Rechner verfolgen sie die von der Web-Kamera übermittelten Bilder und Gespräche, was auf der Konferenz, dem Event oder der Familienfeier los ist - fast so, als wären sie mit dabei.

Telebuddy quatscht dazwischen

Bei bisherigen Telepräsenz-Systemen blieb es beim passiven Teilnehmen. Der von den Forschern entwickelte Telebuddy quatscht aber dazwischen, gibt Handzeichen, zieht Grimassen oder verschenkt ein anerkennendes Lächeln. Und zwar auf Tastenbefehl des Online-Nutzers. Der sitzt daheim am Schreibtisch und tippt seine Fragen über eine entsprechende Telebuddy-Seite im Internet ein. Ein paar Sekunden später stellt der virtuelle Kerl mit synthetischer Tenorstimme die Frage im Wortlaut. Gesprächspartner antworten dem Telebuddy, dessen Mikrofone saugen die Worte auf und übermitteln sie an den User. Dieser tippt schnell ein freundliches Emoticon ein, woraufhin der Telebuddy breit lächelt. (Emoticon ist ein Kunstwort, das sich aus den englischen Wörtern "Emotion" und "Icon" zusammensetzt. Über ein grafisches Zeichen wird eine Gefühlsäußerung dargestellt. Basis von Emoticons ist der Smiley.)

Der Telebuddy kann auch für Chats genutzt werden. Je mehr sich in den physischen Avatar einloggen, desto eher entsteht eine richtige Diskussion. "Der Zugriff von mehreren Teilnehmern auf ein Telepräsenzsystem ist neu. Dafür haben wir eine spezielle Software entwickelt", sagt Kirste. Der klammernde Kumpel könnte jedoch nicht nur ein Guide durch Ausstellungen und über Messen sein, sondern auch den Aktionsradius von Behinderten erweitern, die nicht mobil sind.

Bis der Telekumpel auf den Markt kommen wird, soll er noch ein wenig abspecken. Eine sechs Kilo schwere Puppe ist auf Dauer schwer zu tragen. Vor allem soll aber die Reaktionszeit verkürzt werden. Zurzeit bremst noch sekundenlanges Warten die Spontaneität der Kommunikation. Bilder und Töne werden zwar ruckfrei übertragen, das aber mit 20 bis 25 Sekunden Verspätung. Die Forscher hoffen daher auf eine flächendeckende Verbreitung schneller Übertragungstechniken wie ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line) und UMTS (Universal Mobile Telecommunications System), die Gespräche annähernd in Echtzeit ermöglichen. "Wir wollen unseren Telebuddy letztlich zu einem Kommunikationssystem weiterentwickeln, das selbstständig agiert", sagt Kirste. Von den Fähigkeiten wird dann auch der Preis der Telepuppe abhängen.

Eine Einsteigerversion könnte ab 250 Euro auf den Markt kommen. Autonome Telebuddys seien aber kaum unter 5000 Euro zu haben, schätzt Kirste. Die entscheidende Frage jedoch ist, ob der virtuelle Kumpel akzeptiert oder als Fremdkörper wahrgenommen wird. Hier ist Kirste jedoch optimistisch: "Unsere Auftritte haben gezeigt, dass unser Telebuddy gemocht wird, weil er wie ein freundliches Krümelmonster auftaucht."

Quelle: Handelsblatt

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