Forschung im Dienst der kleinen und mittleren Unternehmen: Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn
Mittelstand muss im öffentlichen Bewusstsein bleiben

Viele Daten liefert ein Bonner Forschungsinstitut über kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland. Verwerter der Informationen sind vor allem Verbände, Beratungsfirmen, die Presse und die Politik.

BONN. Was nützt das Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) einem mittelständischen Unternehmen direkt? Die Frage lässt Dr. Gunter Kayser, den wissenschaftlichen Geschäftsführer des IfM, gelassen. "Zunächst einmal nützt es etwas, dass sich das Institut ausschließlich mit dem Mittelstand befasst", ist seine Antwort. "Wenn nicht gerade Wahlzeit ist, gerät der Mittelstand relativ schnell und häufig in Vergessenheit. Und deshalb ist es wichtig, dass dauerhaft und aktuell über den Mittelstand geforscht und zum Mittelstand publiziert wird, damit Mittelstand im Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politik bleibt."

Mittelstand habe eine wirtschaftliche und eine politische Komponente. Deshalb sei es eine der Hauptaufgaben des IfM, das sich im Wettbewerb mit zwei ähnlichen Instituten in Mannheim und je einem in Siegen und Trier sieht, die Diskussion über den Mittelstand in Gang zu halten. Aber auch dafür zu sorgen, "dass Veränderungen und Neues in die Diskussion eingebracht und belegt werden, damit man vom Mittelstand kein antiquiertes Bild bewahrt, sondern ihn immer so begreift, wie er sich in einer aktuellen Phase darstellt".

Natürlich sei ein Institut wie das IfM zu klein, um in die direkte Kommunikation mit den drei Millionen mittelständischen Unternehmen zu treten. Abnehmer der Informationen des IfM seien vor allem Beratungseinrichtungen, "mindestens 500 jährlich, die qualifizierte Auskünfte oder Unterlagen zu bestimmten Fragestellungen anfordern". Kayser unterstellt, dass so "Wissen und Befunde des Instituts einfließen in die Beratung, die Information, die Hilfe, die mittelständische Unternehmen von ihren direkten Ansprechpartnern bekommen". Beispielsweise von den Kammern, den Verbänden und den Beratungsfirmen, unter denen auch öffentliche oder öffentlich geförderte Beratungseinrichtungen seien.

"Ich sehe also durch diesen Filter der Multiplikatoren einen indirekten Einfluss unserer Arbeit oder eine Hilfe unserer Arbeit für den Mittelstand." Zudem besuchten etwa 195 000 Interessenten pro Jahr die Internetseite www.ifm-bonn.org. Informationen würden ferner über die Presse, eigene Publikationen sowie die der Kammern und Verbände verbreitet.

Aber es gebe auch direkte Anfragen, meist von Unternehmen, die für einen konkreten Anlass bestimmte Informationen benötigen. "Das sind aber dann auch in aller Regel keine ganz kleine Unternehmen, sondern solche mit 70, 80 oder 100 Beschäftigten", erklärt Kayser.

Natürlich hätte er auch Interesse daran, in die Seminar- oder Veranstaltungsszene einzusteigen. Aber die Satzung das IfM und auch dessen gesamte Konstitution widerspreche dem. "Wir sind zu 100 Prozent öffentlich gefördert, und man kann nicht auf Grundlage solcher Fördermittel in Konkurrenz zu einem Privatmarkt treten, der sich etabliert hat und sich auch immer wieder neu konstituiert."

Für Letzteres liefere das IfM immer wieder den Anstoß. Beispielsweise bei der Unternehmensnachfolge, "einem der Kernthemen unseres Hauses. Wir haben es 1985 entdeckt und befassen uns seit 1994 verstärkt damit." 1997 habe das Institut analysiert, in welchem Umfange substanzielle Seminare zur Unternehmensnachfolge stattfänden - abgesehen von Veranstaltungen, die unter steuerrechtlichen, erbrechtlichen oder familienrechtlichen Aspekten immer veranstaltet wurden.

Lediglich vier private Einrichtungen hätten sich damals auf dieses Thema spezialisiert und auch die psychologischen oder betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge in ihre Beratung eingeführt. Bei einer einzigen Internetrecherche vor zwei Wochen habe man dagegen 495 Beratungseinrichtungen gezählt, die sich auf Unternehmensnachfolge spezialisiert haben.

"Das heißt, dass sich ein Markt etabliert und konstituiert hat, der ohne unsere Arbeit nicht angestoßen worden wäre", sagt Kayser nicht ohne Stolz, "weil bis dato niemand gewusst hat, dass Nachfolge ein Thema und vor allem sehr beratungsintensiv ist." Damit betrachtet er zunächst den größten Teil der Aufgabe des IfM auf diesem Felde als erledigt. "Und wir schwärmen natürlich aus, um neue Felder, neue Bereiche zu entdecken, in denen Ähnliches zu bewegen ist."

Aktuelle Themen sind unter anderem: "Die Erfolgswirkungen der materiellen Mitarbeiterbeteiligung in kleinen und mittleren Unternehmen", "Bürgschaften und Haftungsfreistellungen als Instrument der Kreditfinanzierung mittelständischer Unternehmen", "Unternehmensübernahmen durch Frauen", "Corporate Citizenship in kleinen und mittleren Unternehmen - Das Unternehmen als ,guter Bürger?" oder "Einzelunternehmen in der Krise - Neustart nach einer Insolvenz und/oder Unternehmenssanierung aus eigener Kraft".

Sechs bis acht neue Themen greift des IfM im Durchschnitt pro Jahr auf. "Man darf nicht vergessen, wir sind ein kleines Institut", sagt Kayser. Themenfelder, zu denen man Basisinformationen bereit stelle, würden oft von öffentlichen Einrichtungen adaptiert und übernommen. Als Beispiele nennt Kayser Wissensgesellschaft und Wissensmanagement. "Wenn es dann eine Bundesinitiative gibt und die Bundesinitiative auch auf Arbeiten anderer Institute und Wissenseinrichtungen aufbaut, hat es wenig Sinn, als Kleininstitut parallel oder möglicherweise sogar konkurrierend tätig zu werden."

Die Basisinformationen des IfM sind gefragt. Vor allem die Statistiken werden von Verbänden, Gewerkschaften und Politikern gerne verwendet. So die Unternehmensgrößenstatistik 2002, die eine neue Abgrenzung für kleine Unternehmen - bis neun Beschäftigte und unter einer Mill. Euro Umsatz - und mittlere Unternehmen - bis 499 Beschäftigte und zwischen einer und 50 Mill. Euro Umsatz - enthält.

Was Kayser aber "mitunter extrem fuchst, ist, "wenn mit unseren Daten in der Öffentlichkeit gearbeitet wird, ohne dass sie zitiert werden". Ebenso ärgert es ihn, wenn mit Zahlen und den mit ihnen verbundenen komplexen Zusammenhängen sorglos umgegangen wird.

Nach Berechnungen des IfM hätten 2001 im Mittelstand 900 000 Stellen zur Besetzung angestanden. Daraus seien in der Öffentlichkeit zunächst eine Million und dann 1,5 Millionen geworden. Der zweite Satz der Untersuchung, dass von den 900 000 Stellen 66 % in diesem Jahr besetzt werden konnten, sei aber untergegangen. Für die restlichen 300 000 Stellen habe es zwar Bewerber gegeben, jedoch mit mangelnder Qualifikation, fehlender Motivation oder zu hohen Gehaltsvorstellungen. Unter solchen Umständen sei es, so Kayser, "ein frommes Märchen, dass man von heute auf morgen anderthalb Millionen Arbeitskräfte beim Mittelstand unterbringen könnte".

Zur Sache: Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn

Mit seinen 16 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählt das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn zu den kleinen, aber sehr aktiven wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen in Deutschland. Es wurde 1957 von der Bundesrepublik Deutschland und dem Land Nordrhein-Westfalen als Stiftung des privaten Rechts gegründet. Es hat die Aufgabe, Lage, Entwicklung und Probleme des Mittelstandes zu erforschen und die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Insbesondere verfolgt es, wie das IfM selbst formuliert, das Ziel, "die Datenbasis über die mittelständische Wirtschaft zu verbessern und zu erweitern, um darauf aufbauend das Ziel-, Maßnahmen- und Trägersystem der unternehmensgrößenbezogenen Wirtschaftspolitik durchleuchten und nötigenfalls Verbesserungsvorschläge erarbeiten zu können".

Der Etat des IfM von 1,7 Mill. Euro wird zu zwei Dritteln vom Bund und zu einem Drittel vom Land NRW fianziert wird. Daneben nimmt das IfM etwa 350 000 Euro an Drittmitteln ein, mit denen die für die Drittaufträge notwendigen zusätzliche Mitarbeiter bezahlt werden. Organe der Stiftung sind das Kuratorium, der Vorstand (Prof. Dr. Dr. Dieter Bös, Uni Bonn, und Prof. Dr. Uschi Backes-Gellner, Uni Zürich), sowie ein Beirat.

Quelle: Handelsblatt

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