Forschung mit embryonalen Stammzellen
Klonen: Verspielte Zukunft?

Ein Verbot der Forschung mit embryonalen Stammzellen würde Deutschland zurückwerfen. Schon jetzt sind Großbritannien und die USA im Vorteil.

WiWo DÜSSELDORF. Eigentlich könnte sich Hans-Georg Kuhn entspannt zurücklehnen. Der 40-jährige Hirnforscher arbeitet mit adulten Stammzellen ethisch völlig unbedenklich. Dennoch verfolgt der Wissenschaftler an der Universität Regensburg die laufende Debatte über embryonale Stammzellen mit großer Sorge. "Die Diskussion wird so undifferenziert geführt, dass embryonale und adulte Stammzellen in einen Topf geworfen werden", beobachtet der Biologe, "da kann es schnell auch zu einer Verteufelung der adulten Stammzellen kommen."

Deutschlands Stammzellforscher sind verunsichert. Seit der Bonner Neuropathologe Oliver Brüstle vor gut einem Jahr seinen Antrag auf Import von humanen embryonalen Stammzellen bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einreichte, steht ihr Forschungsgebiet im Mittelpunkt eines erbitterten Streits zwischen Fortschrittsgläubigen und Ethikfundamentalisten. Das Pech von Brüstle & Co.: Die Fundis, die den Dammbruch zur grenzenlosen Forschung jenseits aller ethischen Maßstäbe fürchten, nehmen das zum Anlass, sämtliche strittigen Fragen der Biopolitik und Gentechnik zu klären und blockieren damit den biomedizinischen Fortschritt in Deutschland.

Entscheidung des Bundestages

Nach einem Jahr öffentlicher Diskussionen will der Bundestag jetzt Ende Januar 2002 endlich entscheiden, ob die Einfuhr embryonaler Stammzellen zulässig ist. Knapp zwei Monate vorher jedoch ist immer "noch alles offen, die Fronten laufen quer durch alle Fraktionen", sagt Forschungsministerin Edelgard Bulmahn. Der von Bundeskanzler Gerhard Schröder eingesetzte Ethikrat hat sich zuletzt nur unter strengen Auflagen für einen Import ausgesprochen.

Ein Verbot wäre ein enormer Rückschlag für die medizinische Forschung hier zu Lande. "Für eine große Industrienation wie Deutschland ist es nicht gerade klug, einen potenziell wichtigen Teil der biomedzinischen Forschung zu ignorieren", erklärt der Freiburger Stammzellexperte Davor Solter vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie. Als die Gentechnik am Anfang stand, sind die Deutschen schon einmal ins Hintertreffen geraten. Nun droht dasselbe noch mal.

Schlechte Wettbewerbsfähigkeit

Schon jetzt ist es um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit auf diesem Gebiet nicht gut bestellt. Deutschland hat seine Rolle als führender Forschungsstandort für die Pharmaindustrie eingebüßt, so das ernüchternde Ergebnis einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, und ist international nur noch Mittelmaß. Die Autoren bemängeln dabei vor allem Defizite in der biomedizinischen Grundlagenforschung: "Es gibt im internationalen Vergleich zu wenige Arbeitsgruppen in der biomedizinischen Forschung in Deutschland." Während allein am US-Biotech-Standort Boston 1 200 wissenschaftliche Gruppen an Problemen der Biomedizin tüfteln, sind es in den drei deutschen Biotech-Hochburgen München, Berlin und Rhein-Neckar zusammen nur 800 Teams.

Bei einem Importverbot für embryonale Stammzellen würde die Zahl rasch noch kleiner werden. Einige Forscher sind fest entschlossen, dann ins Ausland abzuwandern. Denn in Ländern wie Großbritannien, Schweden, Israel oder den USA können die Wissenschaftler ungehindert mit den viel versprechenden Zellen arbeiten. Auch andere Länder in Europa wie kürzlich die Niederlande oder die Schweiz schwenken nach und nach auf die Embryonenforschung ein. Nur Deutschland leistet sich eine scheinheilige Debatte. Befürworter wie Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, unterstellen den Kritikern "Doppelmoral": "Wir beteiligen uns nicht an der Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen, aber wir wollen die Früchte ernten." Denn wenn es erst mal Therapien gibt, werden auch Kranke in Deutschland sie in Anspruch nehmen.

Derweil vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendein Forscher im Ausland neue Erkenntisse verkündet. Zuletzt überraschte das US-Unternehmen Advanced Cell Technology die Öffentlichkeit mit der Meldung, den ersten menschlichen Klon erzeugt zu haben.

Umstrittenes Thema

Kein anderes Thema elektrisiert Wissenschaftler und Patienten auf der ganzen Welt derzeit so sehr wie die Chancen, die die Stammzellforschung verheißt. Vor allem embryonale Stammzellen beflügeln die Hoffnungen. Die Zellen bilden sich in einem wenige Tage alten Embryo. Sie sind die Urform aller Zellen und Gewebe des menschlichen Körpers. Aus ihnen entwickeln sich Haut-, Nerven-, Herz- oder Insulin bildende Zellen. Und eines Tages werden sie, so die Erwartungen vieler, Diabetes, Parkinson, multiple Sklerose oder Herzinfarkte heilen. Kranke wie der Ex-US-Präsident Ronald Reagan, der an Alzheimer leidet, oder der an Parkinson erkrankte Papst könnten dann wirksam behandelt werden. Im Tierversuch ist es bereits gelungen, die Stammzellen ganz nach Wunsch in verschiedene Zellen zu verwandeln.

Welch ungeheures Potenzial in ihnen steckt, haben Forscher der US-Universität Wisconsin gerade im Fachblatt "Nature Biotechnology" berichtet. Sie verwandelten embryonale Stammzellen im Labor zu Vorläufern von Nervenzellen. Diese pflanzten sie ins Gehirn neugeborener Mäuse. Dort entwickelten sie sich zu Nerven- und anderen Hirnzellen. Übertragen auf den Menschen bedeutet das die Heilung schwerer Hirnleiden wie Parkinson. An den Versuchen der US-Gruppe war auch Brüstle beteiligt, der zu den renommiertesten deutschen Stammzellforschern zählt. Tierexperimente sind zwar notwendig. Doch fügt er hinzu: "Ich bin nicht Mediziner geworden, um Mäuse zu therapieren." Brüstle möchte deshalb menschliche embryonale Stammzellen aus Israel importieren.

Streit um den Forschungszweig

Die Wissenschaftler sehen mit Sorge, wie im Streit um den Forschungszweig in Deutschland ein Stück Zukunft verspielt wird. Es droht der Absturz aus dem Olymp der Grundlagenforschung ins therapeutische Nichts. Bereits heute übertragen ausländische Gruppen Versuchsreihen mit Mäusen, die deutsche Forscher vorlegten, erfolgreich auf menschliche embryonale Stammzellen. "Es ist ein Armutszeugnis für unser System, dass immer dann, wenn neue Türen aufgestoßen werden, Horrorszenarien an die Wand gemalt werden", ärgert sich Ulf Rapp, Stammzellforscher an der Universität Würzburg und Sprecher des Sonderforschungsbereiches Stammzellen der DFG. Bis zu 100 Arbeitsgruppen, schätzt Rapp, warten in Deutschland sehnsüchtig auf den Startschuss. Rapp: "Wir brauchen den Import."

Der Meinung sind auch viele deutsche Unternehmen. Michael Ruhl, Chef von Cardion in Erkrath bei Düsseldorf: "Die Stammzelltechnologie revolutioniert die Medizin in einem heute noch unvorstellbaren Maß." Der Biochemiker arbeitet in seinem Unternehmen an Mäusestammzellen, die bei Diabetikern die Produktion von Insulin anregen sollen dann müssten die Patienten das lebenswichtige Medikament nicht mehr regelmäßig einnehmen. Patienten mit Herzinfarkt will Ruhl mit neuem Gewebe helfen. Wenn der Bundestag sich gegen den Import von Stammzellen entscheiden würde, müsste Ruhl in Deutschland auf die Versuche mit menschlichen embryonalen Stammzellen verzichten.

Expertengremium fordert strenge Auflagen

Diese Gefahr sah wohl auch der Nationale Ethikrat. Das vom Kanzler berufene Expertengremium hatte sich am vergangenen Donnerstag mit 15 zu 9 Stimmen für den Import von menschlichen embryonalen Stammzellen ausgesprochen wenn auch unter strengen Auflagen. Eine Enquetekommission des Bundestages hatte sich Mitte November noch gegen den Import ausgesprochen. Eine klare Pattsituation, die Zitterpartie für die Forscher geht weiter.

Bundeskanzler Schröder macht keinen Hehl daraus, dass er sich eine Forschung auf diesem Gebiet in Deutschland wünscht. Seine Forschungsministerin warb auf dem SPD-Parteitag eindringlich für ihre Pro-Position. Durch ein Nein des Bundestages, so Bulmahn, würde eine "für die Biotechnologie schädliche Atmosphäre entstehen".

Zhlreiche Gegner

Doch in allen Parteien, mit Ausnahme der FDP, gibt es zahlreiche Gegner. Niemand kann voraussagen, wie sich der Bundestag am Ende entscheidet. Einen Fraktionszwang wird es bei der Abstimmung voraussichtlich nicht geben. Bei den Sozialdemokraten reicht das Spektrum von Hardlinern, die jegliche Forschung an embryonalen Stammzellen ablehnen wie Wolfgang Wodarg, bis hin zum NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement, der seine Gegner in dieser Debatte gerne als "Fundamentalisten" brandmarkt.

Ähnlich kontrovers geht es in der Union zu. Für den CDU-Politiker Hubert Hüppe hieße ein Ja zum Import "die Tür einen Spalt aufzumachen, und dann gibt es kein Halten mehr." Unterstützt wird der stellvertretende Vorsitzende der Enquetekommission in dieser Haltung vom Kölner Kardinal Meisner, der die Forschung an embryonalen Stammzellen mit der "Tötung menschlichen Lebens" gleichsetzt. Hüppes Gegenspieler in der CDU sind Peter Hintze und die Humangenetik-Sprecherin Katherina Reiche. Hintze versucht seine Gegner mit folgendem Vergleich zu überzeugen: "Stellen Sie sich vor, sie sind in einem brennenden Krankenhaus und haben die Wahl, einen Kühlschrank mit 100 befruchteten Eizellen hinauszuschieben oder ein schreiendes Baby zu retten, was tun Sie? Jeder würde sagen, dass er das Baby rettet", argumentiert der Theologe, "und gibt damit intuitiv ein ethisches Urteil ab." Für Reiche wäre ein Nein zum Import fatal, denn "Deutschland darf nicht als Forschungsstandort zum Museum verkommen". Immerhin hatte sich auch die

Wertekommission der CDU in der vergangenen Woche für den Import "in engen Grenzen" ausgesprochen.

CSU öffnet sich

Mit Spannung beobachtet die CDU, dass sich ausgerechnet die gemeinhin als konservativer angesehene Schwesterpartei CSU öffnet. Der Chef der bayrischen Landtagsfraktion Alois Glück und Exgesundheitsminister Horst Seehofer bereiten für den CSU-Vorstand gerade ein Papier vor, in dem sie den Import in engen Grenzen ebenfalls befürworten ähnlich wie es eine Minderheit der Bundestags-Enquete empfohlen hatte. 12 der 26 Miglieder zweifelten daran, "ob ein vollständiges Verbot verfassungs- und europarechtlich überhaupt durchsetzbar" sei. Sie würden den Import daher zulassen, in einem Punkt aber strikter vorgehen als der Ethikrat: Während dieser auch den Import von Stammzellen zulassen will, die aus neuen Zelllinien entstehen, fordert die "Ja, aber"-Fraktion der Enquete die Beschränkung auf bereits vorhandene.

Mit dieser Position könnten sich auch viele grüne Abgeordnete anfreunden. "Ich halte dieses Votum für mehrheitsfähig", sagt die frühere grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer. Sie sei allerdings strikt gegen die Tötung weiterer Embryonen, um neue Zelllinien herzustellen. "Das haut uns die Maßstäbe weg", sagt Fischer. Die Gentechnikexpertin sieht die Gefahr, dass die Wissenschaftler nach dem Import von Stammzellen auch die Zulassung des therapeutischen Klonens verlangen könnten.

Briten erlauben therapeutisches Klonen

Die wie immer pragmatischen Briten erlauben schon seit Anfang des Jahres das therapeutische Klonen. Sie vermögen nicht zu verstehen, warum das Töten von bis zu 14 Tage alten, kaum stecknadelgroßen Embryonen zur Gewinnung von womöglich lebensrettenden Stammzellen verboten sein soll. Beim therapeutischen Klonen wird Erbmaterial eines Patienten in eine entkernte Eizelle gespritzt. Diese reift im Labor zu einem Embryo heran und dient als Spender von Stammzellen, aus denen sich unterschiedliche Gewebearten züchten lassen. Das Immunsystem würde diese nicht abstoßen. So könnte am Ende jeder Mensch sein eigenes Ersatzteillager in Form von Stammzellen liefernden Embryonen im Kühlschrank deponieren.

Forscher Rapp ist sicher, dass auf Dauer auch in Deutschland Stammzellen durch therapeutisches Klonen gewonnen werden müssen: "Nur so können wir vielleicht den Idealzustand erreichen: eine Hautzelle oder eine beliebige andere Körperzelle rückwärts in ihren Urzustand zu programmieren, von dem aus sie sich wieder in viele Gewebe entwickeln kann." Das wäre dann ethisch gänzlich unproblematisch.

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