Fränkischer Maßkonfektionär wächst gegen den Trend – Produktion in Tschechien und Portugal
Dolzer nimmt in der Nische Maß

Die Bekleidungsbranche klagt über Umsatzeinbußen, der Einzelhandel leidet unter der Konsumzurückhaltung. Ausgerechnet im fränkischen Provinznest Schneeberg gibt es einen kleinen Maßkonfektionär, der mit Tiefpreisen Hugo Boss und anderen Konkurrenten von der Stange das Fürchten lehren will.

"Wir haben unseren Einstiegspreis mit der Euroumstellung um 10 % auf 149 Euro gesenkt", sagt Thomas Selkirk. Der 41-jährige ehemalige Unternehmensberater hat das Familienunternehmen Dolzer vor sieben Jahren übernommen.

Maßkonfektionen sind eine Mischung aus Maßschneiderei und Massenfertigung. Die Kunden lassen in einer der sechs Filialen wie bei einem Schneider Maß nehmen, wählen aus über 20 Anzugschnitten und über 3 000 Stoffen aus und zahlen die Hälfte des Preises an. Der Auftrag geht online nach Schneeberg. Dort setzen Computer-Cutter die Daten in millimetergenaue Schnitte um. Per Lkw transportiert Dolzer die Zuschnitte in die 700 Kilometer entfernte tschechische Näherei. Vier bis sechs Wochen später hat der Kunde seinen Maßanzug.

Rund 70 000 Anzüge schneiderte Dolzer so im abgelaufenen Geschäftsjahr (30.9.). Erstmals kamen in diesem Jahr auch noch 25 000 Maßhemden hinzu, die in Portugal genäht werden. Will der Kunde einen Luxus-Markenstoff, kann der Anzug auch deutlich teurer werden. Aus dem ehemaligen Geheimtipp für Frankfurter Banker ist inzwischen ein Unternehmen geworden, das für Furore in der Branche sorgt.

Der Umsatz kletterte nach Selkirks Angaben 2001/02 um 5 % auf 15,5 Mill. Euro. "Das ist ein Erfolg im Vergleich zur Konkurrenz", findet Selkirk. Nach Angaben des Branchenverbandes sanken im ersten Halbjahr im Bekleidungseinzelhandel die Umsätze um fast ein Zehntel. Die Umsatzrendite erreicht nach Angaben des Firmenchefs 10 % vor Steuern. "Damit würde Dolzer im oberen Zehntel der Branche liegen", sagt Frank Pietersen, Unternehmensberater und Branchenkenner von KPMG. Er bezweifelt allerdings, dass Dolzer bei diesen Preisen bei der Verarbeitung mit Anzügen von Boss oder Dressler mithalten kann. "Dafür müsste man zwei Anzüge mit dem gleichen Preis vergleichen - und zwar auch nachdem sie ein halbes Jahr getragen wurden". Pietersen gesteht Dolzer zu, mit den Maßanzügen in dieser Kategorie eine Nische gefunden zu haben. Diese sei aber nur begrenzt ausbaufähig.

Ursprünglich wollte auch Selkirk viel schneller wachsen, doch die Konjunktur machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Ein ursprünglich für das vergangene Jahr geplanter Börsengang musste verschoben werden. Die Eigenkapitalquote liegt nach Angaben des Firmenchefs bei 20 % der Bilanzsumme. Die Verschuldung bei deutlich unter einer Mill. Euro.

Die Daten von fast 400 000 Kunden hat Dolzer in den Computern gespeichert. "Unser Kapital ist die Nähe zum Kunden", meint Selkirk. Dieses Potenzial sei in den Filialen längst nicht ausgeschöpft. Der Aufbau eigener Geschäfte gestaltet sich schwieriger und langsamer als geplant. "Dienstleistungsorientierte Mitarbeiter für die Geschäfte sind Mangelware", ärgert sich Selkirk. Nach Hamburg, Köln, Berlin, Stuttgart soll jetzt München hinzukommen. Mittelfristig will Dolzer die die Zahl der Filialen verdoppeln.

Zudem hat Selkirk jetzt eine Tochter gegründet, die Einzelhändlern als Partnern Maßkonfektion bieten soll. Der Bekleidungshändler nimmt dann in seinem Geschäft Maß, gibt die Daten weiter und kann entscheiden, ob er den Maßanzug von Dolzer unter eigenem Namen oder unter einer Zweitmarke verkaufen will. Vorteil für Dolzer: Keine Laden- und Personalkosten. Bereits 30 Einzelhändler haben Interesse gezeigt. Bis in fünf Jahren soll auf dieser Schiene ein Umsatz von 15 Mill. Euro erreicht werden, also genauso viel wie der jetzige Kernumsatz. "Es gibt einen Trend zur Maßschneiderei", sagt Selkirk. "Wir wollen dieses Geschäft nicht einem Konkurrenten überlassen".

Zur Finanzierung eines größeren Wachstumssprunges kommt für Selkirk nur ein Börsengang in Frage. Ein Partner kommt für den Firmenchef nicht In Frage: "Ich will nicht, dass mir einer reinredet." Mit Kleinaktionären hätte er keine Probleme. Sollte die Lage am Kapitalmarkt sich nicht bessern, will Selkirk weiter aus eigener Kraft wachsen. "Wir haben gezeigt, dass das geht."

Quelle: Handelsblatt

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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