Fragwürdige Buchungen
Illegale Bilanztricks auch bei AOL entdeckt

Am vergangenen Mittwoch hat AOL Time Warner-Chef Richard Parsons einen Eid auf die Richtigkeit der Bilanzen abgelegt - jetzt steht der Konzern unter Beschuss wegen Falschbuchungen bei AOL.

bba/wsj/Reuters NEW YORK. US-Staatsanwälte und Prüfer der US-Börsenaufsicht SEC untersuchen die Buchungspraktiken bei der angeschlagenen Online-Sparte des weltweit größten Medienkonzerns AOL Time Warner Inc. Gegenstand der Ermittlungen bei America Online (AOL) sind als "round-tripping" oder "back-to-back" bezeichnete Luftbuchungen, hieß es gestern in informierten Kreisen.

Die SEC konzentriert sich - genau wie die zuständige Staatsanwaltschaft von Virginia - bei ihren Ermittlungen auf Vorgänge, die ein ehemaliger Top Manager von AOL eingefädelt haben soll: David Colburn war als Executive Vice President bis Anfang August Chef der AOL-Abteilung Business Affairs und damit für die Anbahnung langfristiger Sponsoren- und Marketingpartnerschaften mit Werbekunden verantwortlich. Er soll - so heißt es - die meisten der fragwürdigen Transaktionen verantwortet haben. Inzwischen hat Colburn das Unternehmen wegen des wachsenden Drucks verlassen.

Der Begriff "round-tripping" (deutsch: Rundreise) beschreibt den Verkauf eher unprofitabler Vermögenswerte mit automatischem Rückkauf zu ähnlich hohen Preisen, der bei Vertragsabschluss zwischen den Parteien gleich mit vereinbart wird. Solche Deals waren jüngst in den USA in der Energie- und in der Telekombranche bekannt geworden. Ziel und Zweck dieser tendenziell illegalen Buchungspraxis ist ein Aufblähen der Umsätze sowohl beim Käufer als auch beim Verkäufer. Das "back-to-back"-Muster funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, wobei hier zwischen Kauf und Rückkauf einige Zeit vergeht.

Die SEC kann AOL mit einer Zivilklage möglicherweise leichter zur Verantwortung ziehen als die Staatsanwaltschaft. Denn die Finanzbehörde muss lediglich beweisen, dass die Transaktionen nicht ordnungsgemäß offen gelegt wurden.

Bereits in der vergangenen Woche hatte der Medienkonzern eingeräumt, seine Onlinesparte AOL habe in den USA möglicherweise zu hohe Umsätze ausgewiesen. Es ging um eine Summe von 49 Mill. $, was weniger als ein Prozent des Umsatzes von AOL Time Warner ausmacht. Die drei betreffenden Transaktionen, die AOL nur intern benannt hat, sollen über einen Zeitraum von sechs Quartalen bis einschließlich März 2002 als Einnahmen verbucht worden sein.

Bereits Anfang August hatte die Börsenaufsicht SEC fragwürdige Geschäftsbeziehungen zwischen AOL und Purchasepro.com, einer kleinen Softwarefirma, und dem Online-Immobilienhändler Homestore.com untersucht. Gegenstand der Untersuchungen war die Frage, ob AOL illegal Einnahmen von Partnern wie Purchasepro.com für sich gebucht hatte. Dabei ging es um einen Betrag von 27 Mill. $.

Aufmerksam wurde das AOL-Management auf Colburns Abteilung am 5. August, als ein Mitarbeiter einen AOL-Anwalt auf eine Transaktionen aufmerksam machte, die als Werbe- und E-Commerce-Einnahme gebucht waren. AOL hatte zusammen mit Anwälten der Kanzlei Cravath, Swaine & Moore zuvor bereits begonnen, interne Vorgänge auf Unregelmäßigkeiten zu untersuchen, aber nichts auffälliges gefunden. Durch den Hinweis des Mitarbeiters stießen sie schließlich auf insgesamt drei Vorgänge.

Ein AOL-Sprecher sagte gestern, das Unternehmen werde mit SEC und Staatsanwaltschaft kooperieren, ansonsten aber keine Stellungnahme abgeben. Mittlerweile räumt AOL in Colburns ehemaliger Abteilung gründlich auf. Die Online-Werbeumsätze werden von den anderen Vorgängen der Abteilung getrennt gebucht, und 80 von insgesamt 90 Mitarbeitern werden in andere Abteilungen versetzt.

Außerdem könnten Transaktionen, an denen mehrere Geschäftspartner zeitgleich beteiligt sind - wie die mit Purchasepro.com und Homestore.com - in Zukunft ganz eingestellt werden.

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