France Télécom am Abgrund
Kommentar: Das Desaster

Das Drama um France Télécom und Mobilcom endet wie Bertolt Brechts Theaterstück "Der gute Mensch von Sezuan": "Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Bis Ende letzter Woche, so hatte es France Télécom Aktionären und Mitarbeitern versprochen, würde es eine Lösung für die deutsche Mobilfunkbeteiligung Mobilcom geben. Doch was das Unternehmen nach all den Krisensitzungen mit Banken, Lieferanten und der französischen Regierung präsentierte, ist ein Desaster. Viel zu wenig wurde entschieden.

Dass künftig France Télécom größter Gläubiger der Mobilcom sein wird, löst die Probleme weder für France Télécom noch für Mobilcom. Wird France Télécom Mobilcom Zins und Tilgung stunden oder ab Oktober wieder Zahlungen aus Büdelsdorf fordern? Ohne ein Schuldenmoratorium jedenfalls wird Mobilcom zwangsläufig Insolvenz anmelden müssen: Nur unter Gläubigerschutz kann frisches Geld von Bund und Banken dem Ziel dienen, das Unternehmen zu sanieren. Aber nicht einmal für sich selbst hat France Télécom in der letzten Krisensitzung seines Aufsichtsrats Klarheit geschaffen. Ob eine Kapitalerhöhung kommt und welche Hilfen der Staat bereitstellt, weiß niemand. Mit dem Rücktritt von Michel Bon hängt Frankreichs Télécom im Führungsvakuum. Die Börse hofft jetzt nur noch auf den Staat.

An der Entscheidungsschwäche bei France Télécom trägt nun weder der sture Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid noch die schwierige Lage der Branche die Schuld. Die tiefere Ursache der Misere ist wohl eher darin zu suchen, wie France Télécom privatisiert wurde: halbherzig. Der Telekomkonzern soll zwar als börsennotiertes Unternehmen nach den Prinzipien des Kapitalmarkts wirtschaften. Trotzdem bleibt er qua Gesetz ein mehrheitlich vom Staat beherrschter Konzern. Anders als bei der Deutschen Telekom redet in Frankreich die Regierung bei allen Entscheidungen direkt mit. Das macht France Télécom zum langsamsten Telekomkonzern der Welt. So dauert der Streit mit Mobilcom schon länger als ein Jahr. Absurder Nebeneffekt der staatlichen Lenkung: Sobald es schlecht läuft für den Konzern, suchen France Télécom und ihre Kreditgeber gar nicht erst nach Sanierungswegen, sondern wenden sich sofort an den Staat.

France Télécom muss damit zu den misslungenen Privatisierungen Europas gezählt werden. Das Unternehmen bleibt dem Steuerzahler auf der Tasche liegen. In die Krise geraten können natürlich auch erfolgreich privatisierte Unternehmen wie British Telecom. In dem Fall waren es aber Aktionäre und Gläubiger, die aufräumen mussten und dies auch taten. Gegenbeispiele gibt es allerdings auch bei den Briten: den größten Stromnetzbetreiber des Landes und die Schienennetzgesellschaft British Rail.

Wenn es also ganz schlimm kommt, dann kann sich die Politik sowieso nicht mehr heraushalten. Dann geht es aber auch nicht mehr um Management-Entscheidungen wie jetzt in Frankreich, sondern darum, ob das Unternehmen weiter existiert. Wie bei der Privatfirma Mobilcom: Sie hat möglicherweise eine Chance, wenn sie zurück zum Kerngeschäft findet. Allein dafür - und nicht für weitere UMTS-Abenteuer - darf der Staat eine Anschubfinanzierung leisten.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%