France-Télécom -Chef Bon zurückgetreten
Mobilcom ist am Ende

Nach dem Ausstieg der hoch verschuldeten France Télécom steht der Mobilfunk-Anbieter Mobilcom unmittelbar vor der Pleite. Nach Angaben des Chefs von France Télécom, Michel Bon, vom Donnerstagabend zieht sich der französische Telefonriese finanziell aus dem deutschen Unternehmen zurück.

bdt0184 3 wi 222 dpa 0147 Telekommunikation/ (Überblick 1100) MobilCom bereitet Insolvenzantrag vor und prüft Klage =

dpa BüDELSDORF/PARIS. Die MobilCom AG bereitet einen Insolvenzantrag vor

France Télécom hatte die Geschäftsbeziehungen mit MobilCom am Vorabend aufgekündigt. Der Kurs der MobilCom-Aktie gab am Vormittag um bis zu 55 % auf 0,73 ? nach.

Der französische Wirtschaftsminister Francis Mer hat indirekt auch eine fehlende europäische Mobilfunk-Strategie für die Probleme von MobilCom mitverantwortlich gemacht. Es sei verpasst worden, "eine gewisse Industriepolitik auf dem Feld der neuen Technologien zu haben", sagte der Minister dem Radiosender RTL. "Europa hat nicht den Mut gehabt, intelligente Lösungen vorzuschlagen, so dass jedes Land dann auf seine unabhängige Weise vorgegangen ist", erklärte Mer unter Anspielung auf unterschiedliche und äußerst teure UMTS-Lizenzen.

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dpa/rtr/vwd PARIS/BÜDELSDORF. Mobilcom prüft nach dem Rückzug von France Télécom nun einen Insolvenzantrag. Der Antrag werde "sehr wahrscheinlich" noch heute gestellt, sagte ein Sprecher. Außerdem das Unternehmen gleichzeitig Klagen gegen ihren Großaktionär France Télécom. "Voraussichtlich ist es nicht möglich, die für den Geschäftsbetrieb notwendige Liquidität weiterhin bereitzustellen", teilte das Unternehmen am Freitag in Büdelsdorf mit. Ehe über einen Insolvenzantrag entschieden werde, müssten wesentliche Details des Ausstiegsbeschlusses mit France Télécom geklärt werden. Gegenwärtig sei nicht klar, ob die MobilCom ein Unternehmen mit sieben Mrd. ? Schulden oder ein schuldenfreies Unternehmen sei, sagte ein Sprecher.

Mobilcom erwägt nach der Rückzugsankündigung der Franzosen rechtliche Schritte. "Damit verstößt France Télécom eindeutig gegen die vertraglichen Bestimmungen des mit der Mobilcom vereinbarten Rahmenvertrags", heißt es in der Mitteilung. Zur Wahrung der Unternehmensinteressen prüfe Mobilcom daher, Klage auf Schadenersatz einzureichen.

France Télécom ist mit 28,5 % an Mobilcom beteiligt und der einzige Kreditgeber für das angeschlagene Unternehmen im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf mit mehr als 5 000 Beschäftigten. In der Telekommunikationsbranche droht damit zwei Jahre nach der Versteigerung der deutschen UMTS-Lizenzen die erste große Insolvenz.

Der wegen der hohen Verschuldung von France Telecom in die Kritik geratene Bon kündigte in Paris seinen Rücktritt an, will den Konzern jedoch bis zur Ernennung eines Nachfolgers weiterführen. Bon, unter dessen Regie der Einstieg des Konzerns bei Mobilcom erfolgte, stand seit 1995 an der Vorstandsspitze. "Bon hat keinen Grund für seinen Rücktritt genannt. Es scheint so, als habe er keine andere Wahl gehabt", sagte ein Gewerkschaftsvertreter am Abend in Paris.

Vor der Sitzung hatte Mobilcom-Vorstand Thorsten Grenz erklärt, im Fall eines Ausstiegs von France Télécom müsse das Unternehmen binnen weniger Tage Insolvenz anmelden, "weil uns einfach das Geld ausgeht".

Mobilcom-Betriebsrat spricht von "völlig irrationaler" Entscheidung

Der Betriebsrat von Mobilcom kritisierte die Entscheidung als "völlig irrational" und warf der mit 28,5 % beteiligten France Telecom vor, eine Milliardenpleite zu verursachen. Die IG Metall sprach von einer "von nationalen Interessen" in Frankreich geprägten Entscheidung. Im Verwaltungsrat von France Telecom hätten alle sieben Vertreter der Arbeitnehmerseite für eine Fortsetzung des Engagements bei MobilCom gestimmt. Die Kapitalseite in dem 21-köpfigen Gremium habe dagegen geschlossen für die Beendigung votiert, sagte ein Vertreter der regionalen IG Metall. Er berief sich dabei auf Informationen von Gewerkschaftsvertretern im Verwaltungsrat von France Telecom. Vor der Entscheidung in Paris hatten die Mitglieder des Verwaltungsrates mehr als vier Stunden über die Schulden des Konzerns und die Zukunft der Mobilcom-Beteiligung beraten.

France Telecom teilte in der Nacht zu Freitag weiter mit, im ersten Halbjahr sei nach Rückstellungen von 11,1 Mrd. ?, die im wesentlichen im Zusammenhang mit dem deutschen Partner MobilCom stünden, ein Netto-Verlust von 12,2 Mrd. ? entstanden. Der Schuldenstand habe sich zum Ende der ersten sechs Monate 2002 auf 69,7 Mrd. ? summiert. Der im Zuge aggressiver Expansion während des Telekom-Boom aufgehäuft Schuldenberg soll nach Unternehmensangaben bis Ende des Jahres durch Verkäufe von Beteiligungen deutlich reduziert werden. Allein die bereits vereinbarten Abgaben der Rundfunksparte TDF sowie Stellat und Casema reduzierten die Verbindlichkeiten um 2,5 Milliarden Euro. Weiter 1,5 Milliarden Euro sollten durch weitere Verkäufe gesichert werden. Die französische Regierung sicherte unterdessen zu, sie sei bereit, France Telecom mit allen Mitteln zu unterstützen, um Finanzierungsproblemen des Konzerns vorzubeugen.

Sowohl Mobilcom selbst als auch deren größter Aktionär und frühere Vorstandschef Gerhard Schmid, wollten sich dazu zunächst nicht äußern. Mobilcom-Sprecher Matthias Quaritsch sagte, sein Unternehmen wolle erst die Pressekonferenz des Konzerns am Freitagmorgen in Paris abwarten. Auch eine Sprecherin der Bundesregierung wollte zunächst keinen Kommentar abgeben.

Bei Mobilcom hatte man bis zuletzt gehofft

Damit haben sich die Hoffnungen des einstigen Stars am Neuen Markt der Frankfurter Börse nicht erfüllt. Grenz hatte bis zuletzt um weitere finanzielle Unterstützung der France Télécom geworben und dies als die "risikofreiere Lösung" für den französischen Großaktionär bezeichnet. "Ich rechne immer noch leicht optimistisch damit, dass es mit der MobilCom weitergeht", hatte er am Donnerstag in Büdelsdorf gesagt. Mit einem Blanko-Scheck der Franzosen hatte er allerdings auch nicht gerechnet. Weiteres Geld sei aber nötig, damit Mobilcom das angeschobene UMTS-Projekt fortsetzen könne. Aus eigener Kraft könne Mobilcom das UMTS-Vorhaben nicht bewältigen. Das ebenfalls angeschlagene Servicegeschäft der Mobilcom könne hingegen aus eigener Kraft wieder angeschoben werden.

Mehr als 1 000 Mitarbeiter der Mobilcom hatten am Donnerstag vor der Büdelsdorfer Zentrale für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Mit Spruchbändern und beschrifteten T-Shirts machten sie ihren Zukunftsängsten Luft.

Unmittelbar vor der Sitzung des Verwaltungsrats von France Telecom hatte zudem das Bundeskanzleramt Gespräche auf Arbeitsebene mit der französischen Regierung bestätigt, in denen nach einer Lösung gesucht werden sollte. Hintergrund sind offenbar Befürchtungen, die Insolvenz eines großen Telekommunikationsunternehmens wenige Tage vor der Bundestagswahl am 22. September könnten die Chancen von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) auf eine Wiederwahl schmälern.

Suche nach Rettungsmöglichkeiten für Arbeitsplätze beginnt schon am Freitag

Mobilcom-Betriebsrat Thomas Schrader warf France Telecom vor, das Unternehmen in die Pleite zu treiben. "Wir sind darüber erschrocken, dass selbst staatliche Unternehmen über 5 000 Beschäftigte hinwegsehen", sagte Schrader. Er kündigte an, die Belegschaftsvertreter wollten am Freitag mit der Geschäftsleitung von Mobilcom nach Wegen zum Erhalt von möglichst vielen Arbeitsplätzen suchen.

Mobilcom hatte vor zwei Jahren mit finanzieller Unterstützung von France Telecom für 8,4 Mrd. ? eine der sechs deutschen UMTS-Lizenzen erworben. Über die Höhe der Investitionen für den Aufbau des UMTS-Mobilfunknetzes kam es zwischen den beiden Großaktionären France Telecom und Gerhard Schmid zum Streit. Der führte im Juni dazu, dass der französische Konzern Schmids Absetzung als Mobilcom-Chef im Aufsichtsrat durchsetzte. Daraufhin legte der der französischen Konzern die Investitionen für den UMTS-Aufbau auf Eis. Seitdem ist das mit sechs Mrd. ? verschuldete Büdelsdorfer Unternehmen von Liquiditätszufuhr durch France Telecom abhängig.

Schmid, der zusammen mit seine Ehefrau knapp die Hälfte der Mobilcom-Anteile hält, versucht seit Monaten, von France Telecom eine Übernahme seiner Aktien zu erreichen.

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