Frankfurt setzt bei der Olympia-Bewerbung auf seine Internationalität
Hoffen aufs Nord-Süd-Duell

In seiner Rolle als Außenseiter fühlt sich Frankfurt sehr wohl. Sollte die Stadt den ersten Wahlgang überstehen, so schätzt man die eigenen Chancen als sehr gut ein.

FRANKFURT. Hans-Jürgen Weiss gefällt sich als Visionär. "Ich stelle mir eine Gondelfahrt vor, die mich vom Fußball- Weltmeisterschafts-Stadion über Stadtwald und Pferderennbahn hinweg zum Olympiapark bringt. Zwischendurch genieße ich den phantastischen Blick auf die Frankfurter Skyline". Schöne Aussichten, die Frankfurts Olympia-Werber Nummer eins vorschweben.

Als die Region vor fast einem Jahr ihre Bewerbung beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) einreichte, waren Weiss und sein Team sehr zuversichtlich. Doch das böse Erwachen kam schnell: Mal waren es Studien, mal waren es Rankings, die den Mitbewerbern aus Düsseldorf, Hamburg oder Leipzig den Vorzug vor der Mainmetropole gaben.

Besonders harte Kritik musste die Rhein-Main-Region von der Hamburger Presse einstecken. "Nicht einmal Außenseiterchancen", attestierte beispielsweise der "Stern" den Frankfurtern. Hans-Jürgen Weiss, im Hauptberuf Partner bei der Unternehmensberatung Ernst & Young, ficht solche Kritik nicht an, im Gegenteil: "Ich freue mich, wenn ich so etwas höre oder lese. Das zeigt mir, dass wir sehr ernst genommen werden", so der 56-Jährige.

Die Frankfurter sind jedenfalls von ihrer Bewerbung überzeugt. Das Konzept ist schlüssig und aus einem Guss, so Weiss. Eines mache dies besonders deutlich: Bei der Olympiade soll es für Athleten und Zuschauer nur kurze Wege zu den Sportstätten geben. "Im Umkreis von zwei Kilometern sind die wichtigsten Ziele zu erreichen", beteuert Weiss. Insgesamt sollen 67 Prozent aller olympischen Entscheidungen in "fußläufiger Entfernung" stattfinden.

Fuß- und Angelpunkt für die Besucher dürfte das Olympiastadion werden. Dies soll am Rebstockgelände gebaut werden, zwei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt, und 90 000 Menschen fassen. Nach den Spielen erfolgt der Rückbau zur Leichtathletik- Arena mit 25 000 Plätzen. Das Olympische Dorf soll im künftigen "Europaviertel" entstehen, auf dem ehemaligen Rangierfeld des Güterbahnhofs. Alle weiteren Sportstätten befinden sich im Umkreis von maximal 50 Kilometern, etwa im Maintal, in Wiesbaden, Aschaffenburg und Mainz. Damit sind Bayern und Rheinland-Pfalz in die Bewerbung mit eingebunden.

Ein ganz besonderes Argument, das nach Ansicht von Weiss für Frankfurt als Olympia-Stadt spricht, ist die unbestreitbar zentrale Lage in Europa. "Bei uns sind alle schon einmal gelandet", verweist der Olympia-Chef auf den Flughafen. "Internationale Bekanntheit" ist für NOK-Chef Klaus Steinbach ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung, welche deutsche Bewerberstadt das Rennen macht. Und mit Blick auf die 180 Nationen, die in Frankfurt leben, ist für Weiss ganz klar: "An Weltoffenheit lassen wir uns nichts vorzumachen". Das sagen allerdings die Mitbewerber auch alle.

Wie fast in allen Bewerberstädten, wussten sich auch in Frankfurt Olympia-Kritiker Gehör zu verschaffen. Angefangen von Gegnern des Flughafenausbaus bis hin zu Kleingärtnern, die sich lautstark zu Wort meldeten und denen die Lokalpresse viel Aufmerksamkeit schenkte. Zu viel, wie Weiss wenig überraschend findet: "Dass die Frankfurter kritisch sind, wissen wir nicht erst seit der Olympiabewerbung. Aber eines steht auch fest: Die Bewerbung wird von allen politischen Parteien der Stadt unterstützt." Immerhin.

Die Politik sorgte auch dafür, dass das Bewerber-Team mit einem Etat von rund sechs Millionen Euro ausgestattet wurde. Hinzu kommen noch die 1,8 Millionen Euro von lokalen Sponsoren wie der Sparkasse, dem Flughafenbetreiber Fraport, der Messe und der Licher-Brauerei. Wird Frankfurt deutsche Bewerberstadt, dann dürfen sich die Olympia-Werber über eine Bürgschaft des Landes in Höhe von 20 Millionen Euro freuen.

Für die Austragung der Olympischen Spiele kalkulieren die Frankfurter mit Investitionen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro. Aber Erlöse von rund 1,7 Milliarden Euro sollen direkt wieder in die Taschen der Veranstalter zurückfließen. Zudem wird "für die Region durch Olympia noch ein Zusatznutzen von 4,1 Milliarden Euro entstehen", behauptet Weiss.

Auch wenn die materiellen Voraussetzungen und die Infrastruktur stimmen - dass es am 12. April sehr eng werden wird, ist ihm klar. 32 Sportfachverbände, ausgestattet mit jeweils drei Stimmen, sowie 41 persönliche Mitglieder und Ehrenmitglieder des NOK müssen dann ihre Wahl treffen. "Wenn wir im ersten Wahlgang mindestens Platz vier belegen, haben wir sehr gute Chancen, das Rennen zu machen", so Weiss. Er spekuliert darauf, dass sich dann die Wahlsituation auf ein "Nord-Süd-Duell" zuspitzt, bei dem Frankfurt am Ende die Nase vorn hat. Daher ist Lobby-Arbeit unerlässlich. Kräftige Schützenhilfe leistet hier Petra Roth: "Dass wir nicht arrogant und selbstgerecht aufgetreten sind, sondern solide und überzeugend, beginnt sich jetzt auszuzahlen", so die Oberbürgermeisterin zuversichtlich.

Auch Weiss lässt bei der Arbeit hinter den Kulissen nichts anbrennen. Seit Wochen besucht er Funktionäre und Sportverbände und preist die Vorzüge Frankfurts. Bei einem dürfte er jedoch auf Granit beißen: Er könne sich nicht vorstellen, so Weiss, dass der Schwabe Gerhard Mayer-Vorfelder - Boss des mächtigen Deutschen Fußball-Bundes - zunächst nicht für Stuttgart stimmt. Frankfurt will seine Außenseiterchance trotzdem nutzen - wenn es sein muss, auch ohne Fußball-Stimmen.

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