Frankreich
Analyse: Machtkampf der Banken

Ex-Stahlmanager Francis Mer erschütterte mit einem Überraschungs-Coup die europäische Bankenwelt. Aber eine Lawine, die Frankreichs Bankenlandschaft mit einem Rutsch verändern würde, hat er keineswegs losgetreten.

Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Francis Mer platzt schon mal der Kragen, wenn ihn Gesprächspartner hinhalten. Am Wochenende war es mal wieder so weit. Seit einem Jahr verhandelten die Crédit-Lyonnais-Aktionäre Crédit Agricole und AGF/Allianz ergebnislos über die Übernahme des staatlichen Anteils an der 1999 privatisierten Bank. Crédit Lyonnais nutzte dies schamlos aus, um unabhängig zu bleiben - die Bank begründete das mit dem Interesse der Grande Nation, die Artenvielfalt ihrer Bankenlandschaft zu erhalten.

Jetzt wusste der ehemalige Stahlmanager Mer ein besseres Mittel zur Pflege von Frankreichs Bankenlandschaft. Überraschend forderte er alle Interessenten auf, bis Samstagnachmittag für das Staatspaket an Crédit Lyonnais zu bieten. Damit erschütterte er zwar Europas Bankenwelt. Aber eine Lawine, die Frankreichs Bankenlandschaft mit einem Rutsch verändern würde, hat er keineswegs losgetreten.

Mers schneidigem Aufruf konnte nämlich nur nachkommen, wer eine Offerte fertig in der Schublade hatte. Ausländische Bieter, aber auch solche mit Muttergesellschaften im Ausland wie AGF hatten ihre liebe Not mit der Frist. Neben der genossenschaftlichen Bankgruppe Credit Agricole, die ohnehin eine Übernahme der Lyoner Bank anstrebte, stand unerwartet auch BNP Paribas in den Startlöchern. Sie hatte sich im Kampf um Crédit Lyonnais merkwürdig still verhalten. Doch BNP Paribas ist finanziell stark genug, die Anteile von einem halben Dutzend Crédit-Lyonnais-Aktionären einzusammeln, wenn im Sommer die Verkaufsbeschränkungen für diese Pakete auslaufen. Dann könnte BNP Paribas ein Durchmarsch zur Kontrolle der Konkurrenten gelingen.

Damit würde BNP Paribas die Société Générale, deren Übernahme sie 1999 nur knapp verpasste, am französischen Markt klar hinter sich lassen. Nur noch Crédit Agricole, die anders als die privaten Kreditinstitute auch in der Fläche Frankreichs exzellent aufgestellt ist, könnte ihr daheim noch das Wasser reichen. Und bei der unausweichlichen Konsolidierung unter Europas Banken käme niemand mehr an BNP Paribas vorbei. Doch hat die BNP 1999 bei der Schlacht um die Société Générale auch ihre Grenzen kennen gelernt: Sie hätte bieten können, was sie wollte - die Verteidiger der französischen Traditionsbank hätten abgelehnt. Als die BNP das nach sechs Monaten begriffen hatte, war sie fast am Ende.

So spricht vieles dafür, dass BNP Paribas diesmal auch mit Blick auf andere zugeschlagen hat. Als künftiger Partner bei Crédit Lyonnais bietet sich die Allianz-Tochter AGF an. Mit deren Stimmrechten wäre BNP Paribas bei der Lyoner Bank nicht nur größter Einzelaktionär, sondern käme schon vor weiteren Zukäufen an Crédit Agricole und ihrem italienischen Partner Banca Intesa vorbei.

Derweil herrscht Schweigen bei Crédit Agricole. Es wird ein paar Tage dauern, bis sich die behäbige Finanzgruppe auf eine Antwort festlegt. Es könnte gut sein, dass die oft unterschätzte, aber finanzstarke Gruppe den Fehdehandschuh aufnimmt. Dann stünde Frankreich im kommenden Sommer die nächste Schlacht im Kreditwesen bevor. Minister Mer wird das nur recht sein. Die Zeit der linken Industriepolitik ist seit den Wahlen im Sommer in Paris fürs Erste vorbei. Mer lässt den Markt entscheiden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%