Frankreich
Der Gleichmut des Philosophen

Trotz des torlosen Unentschiedens gegen Rumänien glaubt Frankreichs Trainer Raymond Domenech fest an das Erreichen des Viertelfinales. Vom mageren Auftakt seiner Équipe im ersten Gruppenspiel lässt sich der eigenwillige Trainer nicht beirren - und treibt weiter seine undurchsichtigen Spielchen.

VEVEY. Friedrich Nietzsche ging an einem Schweizer See spazieren, als ihm plötzlich jener Gedanke kam, in dem er die Grundlage der "höchsten Lebensbejahung" erblickte. Und es wirkt, als habe der französische Trainer Raymond Domenech diese Tage am Genfer See seinen Nietzsche zur Hand genommen, um Trost in dessen Idee der "Ewigen Wiederkunft" zu finden: "Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge."

Nur so ließe sich plausibel erklären, dass Domenech auch nach dem torlosen Unentschieden seiner Équipe gegen Rumänien felsenfest daran glaubt, in der "Todesgruppe" C zu bestehen: Ist denn Frankreich nicht auch in die WM 2006, bei der das Finale erreicht wurde, mit diesem Ergebnis gestartet? Und vor dem heutigen Spiel gegen die Niederlande mag auch Domenechs Rückkehr vom 4-4-2 zum alterprobten 4-2-3-1, jener Aufstellung, mit welcher der Einzug ins WM-Finale gelang, den Einsichten Nietzsches entspringen - ganz sicher aber nicht äußerem Druck. Zumindest betont Domenech unverdrossen seine Gleichgültigkeit gegenüber der öffentlichen Meinung.

Diese nannte Frankreichs Taktik gegen sich verbarrikadierende Rumänen zwar "vorsichtig" und gelegentlich sogar "feige" - Vorwürfe, die Domenech von sich weist. Dennoch überrascht der handzahme Ton der französischen Presse nach dem enttäuschenden Auftritt. Während der "Daily Express" titelte: "Frankreich ohne Zidane ist wie eine sternenlose Nacht", und der Schweizer "Tages-Anzeiger" das Rumänien-Spiel mit "Rümlang gegen Frenkendorf" verglich, konzentrierte sich die französische Kritik auf den mäßigen Auftritt des Mittelfeldspielers Florent Malouda und die 23 Grad Celsius auf dem Rasen des Zürcher "Letziggrunds", die einen leidenschaftlicheren Turnierstart der Franzosen verhindert hätten. Über Domenechs Unfähigkeit darauf angemessen zu reagieren, fiel kaum ein Wort.

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