Frankreich: Kommentar: Numéro un

Frankreich
Kommentar: Numéro un

Bundeskanzler Gerhard Schröder fühlt sich im Streit mit den Amerikanern am wohlsten, wenn er sich im Schlagschatten Jacques Chiracs bewegen kann. Frankreich jedoch verfolgt einzig und allein eigene Interessen.

Deutschland sucht in der Irak-Krise seit Wochen einen engen Schulterschluss mit Frankreich. Bundeskanzler Gerhard Schröder fühlt sich im Streit mit den Amerikanern am wohlsten, wenn er sich im Schlagschatten Jacques Chiracs bewegen kann. Soweit es um reale Gemeinsamkeiten geht, beispielsweise im Uno-Sicherheitsrat, gibt es daran auch nicht viel zu kritisieren. Der Kanzler sollte sich über den Beginn seiner wundervollen neuen Freundschaft mit dem französischen Präsidenten aber keine Illusionen machen: Frankreich geht es im Irak-Konflikt einzig und allein um die Festigung seiner eigenen Führungsposition. Wenn Chirac in diesen Tagen von Europa spricht, dann meint er Frankreich. Und Frankreich. Und nur Frankreich.

Die französischen Regierungen haben seit dem Zweiten Weltkrieg noch jede internationale Krise zu nutzen versucht, um ihren eigenen internationalen Einfluss zu stärken. Unzählige diplomatische Krisen, zum Beispiel in der Nato, haben sie in den vergangenen Jahrzehnten einzig und allein aus diesem Grund selbst inszeniert. Ob bei Agrarverhandlungen oder bei der Besetzung von internationalen Führungsämtern, ob in der europäischen Verfassungsdebatte oder im Sicherheitsrat: kein Land dieser Erde beherrscht die Kunst, sich selbst möglichst teuer zu verkaufen, besser als die Grande Nation. Rücksicht auf deutsche Interessen nehmen die Franzosen dabei in der Regel nicht. Haben wir etwa schon vergessen, wie François Mitterrand 1989 versuchte, die deutsche Wiedervereinigung zu hintertreiben?

Deutschlands Interessen sind auch heute keineswegs deckungsgleich mit denen Frankreichs. Das gilt vor allem im Verhältnis zu unseren direkten Nachbarn in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern, die von Chirac und seinen Ministern arrogant abgekanzelt und bedroht werden. Im Uno-Sicherheitsrat geht es den Franzosen vor allem darum, nach dem Ende der bipolaren Weltordnung ihre Bedeutung als eine von fünf mit einem Veto-Recht ausgestatteten Nachkriegsgroßmächten neu zu begründen. Umgekehrt werden Deutschlands berechtigte Hoffnungen auf einen festen Ratssitz durch die Verbrüderung mit den Franzosen gegen die USA jedoch gewiss nicht befördert - im Gegenteil.

Frankreichs Ziel, sich zur unstreitbaren "numéro un" in Europa aufzuschwingen, könnte in den nächsten Jahren noch zu vielen (auch ökonomischen) Konflikten mit Deutschland führen. Frankreichs neue Arroganz speist sich ja nicht nur aus politischem Selbstbewusstsein, sondern auch aus wirtschaftlichem. Während alle Welt über die "deutsche Krankheit" spottet, zeigt sich die französische Wirtschaft vergleichsweise robust. Frankreich legt jetzt im neunten Jahr in Folge ein höheres Wachstum vor als Deutschland. Die Nationaleinkommen haben sich seit der Wiedervereinigung deutlich angeglichen. Die alte Rollenteilung - ein wirtschaftlich starkes Deutschland, ein außenpolitisch starkes Frankreich - funktioniert nicht mehr. Ob Frankreich immer sachgerecht von neuer Stärke Gebrauch machen wird, muss man nach den jüngsten Ausfällen Chiracs bezweifeln. Ihren Voltaire haben die Franzosen vergessen. Wie sagte der Philosoph? Die höchste Arroganz besteht darin, sie gar nicht zu zeigen.

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