Frankreich nicht überrascht: Frankreich zieht den Hauptgewinn

Frankreich nicht überrascht
Frankreich zieht den Hauptgewinn

Nachdem EZB-Chef Duisenberg einen Termin für seinen Rücktritt genannt hat, soll der nächste Kandidat ein Franzose sein. Doch weil in Frankreich Wahlkampf herrscht, ist unklar, wer sich durchsetzen wird.

HB PARIS. Die Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, am 9. Juli 2003 zurückzutreten, setzt Frankreichs Politiker unter Zugzwang. Natürlich wird noch kein Kandidat präsentiert. So ließ Staatspräsident Jacques Chirac nur wissen, er werde Duisenberg bis zum Ende seiner Amtszeit "voll unterstützen". Finanzminister Laurent Fabius kommentierte unwirsch: "Für mich ist die Rücktrittsankündigung keine Überraschung." Nur ein Sprecher von Premierminister Lionel Jospin wagte sich weiter vor, indem er feststellte, an der französischen Position, dass Banque-de-France-Gouverneur Jean-Claude Trichet Frankreichs Wunschkandidat für den EZB-Chefposten sei, habe sich "absolut nichts geändert".

Allerdings hat Frankreichs Notenbankchef ein Ermittlungsverfahren am Hals. Fällt Trichet aus, werden in Paris fünf weitere Namen für den EZB-Spitzenposten gehandelt: EZB-Vize Christian Noyer, ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) Michel Camdessus, Finanzminister Fabius, sein Vorgänger Dominique Strauss-Kahn und Michel Pébereau, Chef der Großbank BNP Paribas.

Bisher war Trichet unumstrittener Konsenskandidat von Frankreichs Konservativen und Sozialisten. Dem französischen EZB-Präsident in spe kam aber die Justiz in die Quere: Sie ermittelt gegen Trichet und wirft ihm vor, als Direktor des Schatzamtes von 1987 bis 1993 seine Aufsichtspflicht verletzt und die Beinahe-Pleite der Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) verschleiert zu haben. Solange Trichet nicht von allen Vorwürfen befreit ist, ist er als EZB-Präsident untragbar. Ob ihm der Prozess gemacht wird, entscheidet ein Untersuchungsrichter im März.

Trichets Ärger mit der Justiz könnte eine gute Nachricht sein für Christian Noyer. Der 51-Jährige wurde 1993 Nachfolger von Trichet als Chef des Schatzamtes und damit oberster Bankenaufseher Frankreichs. Zwei konservativen Finanzministern diente Noyer zwischen 1993 und 1997 als Kabinettschef. Erfahrung in internationalen Finanzfragen sammelte er in dieser Zeit auch als Präsident des Pariser Clubs. Noyers Amtszeit als EZB-Vize läuft Ende Mai ab. Im Juli 2003 könnte er als Präsident zurückkehren. Aber dann wäre Frankreich für 13 Monate und neun Tage nicht mehr im EZB-Direktorium vertreten.

Als Parteigänger der Gaullisten hängt Noyers Zukunft jedoch ab vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen am 5. Mai. Sollte dann Premierminister Lionel Jospin Präsident Chirac ablösen, steigen die Aktien von drei sozialistischen Parteifreunden Jospins: Fabius, Strauss-Kahn und Camdessus.

Finanzminister Fabius habe an einer Kandidatur für den EZB-Chefsessel kein Interesse, hieß es noch vor zwei Wochen in Paris. Aber da stand Duisenbergs Rücktrittstermin noch nicht fest. Fabius, der von 1984 bis 1986 bereits Premierminister unter Präsident François Mitterrand war, wird nachgesagt, er habe wenig Lust, erneut Premierminister zu werden. Den Sprung auf den IWF-Chefsessel verpasste Fabius, 61, im Jahr 2000 nur knapp. Auch könnte es Jospin attraktiv erscheinen, den manchmal unbequemen Fabius wegzuloben.

Anders als Fabius gilt dessen Ex-Finanzminister Strauss-Kahn als persönlicher Vertrauter Jospins. Aber ein Wechsel nach Frankfurt würde die innenpolitische Karriere des ehrgeizigen Strauss-Kahn beenden. Bei den Präsidentschaftswahlen 2007, bei denen Jospin nicht mehr antritt, will "DSK" in die Fußstapfen seines Freundes Lionel treten. Zudem fehlt Strauss-Kahn der "Stallgeruch" der Bankenszene.

Ein Überraschungskandidat wäre Ex-IWF-Chef Michel Camdessus. Camdessus steht den französischen Sozialisten nahe und hat reichlich internationale Finanzerfahrung: Von 1984 bis 1987 war er Chef der Banque de France, ehe er zum IWF wechselte, den er bis zu seinem Rücktritt 13 Jahre lang geleitet hatte. Im Juli 2003 wäre Camdessus aber 70 Jahre alt - und damit für die achtjährige EZB-Präsidentschaft wohl zu alt.

Ein privater Banker ist ebenfalls für den EZB-Posten ins Spiel gebracht worden: Michel Pébereau, Vorstandschef der Großbank BNP Paribas. Er gilt als brillanter Stratege, aber nicht als Teamspieler. Seine scharfzüngigen Bemerkungen sind gefürchtet. Pébereau wurde weltweit bekannt, als er im Frühjahr 1999 mit einer Doppelofferte für die in Fusion befindlichen Konkurrenten Société Générale und Banque Paribas die erste feindliche Übernahme unter Großbanken überhaupt realisierte. Pébereau hatte für seinen Coup offensichtlich die Rückendeckung der sozialistisch geführten Pariser Regierung. Das gilt in Paris als Indiz, das er im Falle eines Wahlsiegs Jospins für die EZB-Spitze in Frage käme. Allerdings hat der verschwiegene Pébereau bisher nicht durchblicken lassen, ob er an der Position interessiert wäre.

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