Frankreichs Staatsunternehmen im Bruderkampf
Kampf der Systeme - Zug gegen Flieger

In Frankreich ist ein gnadenloser Kampf um die Sprintstrecke zum Mittelmeer entbrannt. Der Hochgeschwindigkeitszug TGV setzt der Air France auf den Mittelstrecken kräftig zu.

afp PARIS Rechtzeitig zu Ostern senkte Air France auf der Flugverbindung Paris-Marseille und anderen Inlandsstrecken radikal die Preise, um sich gegen den Hochgeschwindigkeitszug TGV zu behaupten.

Die Airline will sich nicht noch einmal vom TGV in den Schatten stellen lassen - wie zuletzt zwischen Paris und der Europa-Hauptstadt Brüssel. "Der TGV ist unser Hauptkonkurrent", verkündet die Direktion der Fluglinie.

Was sich zwischen Paris und Marseille, Toulouse und Montpellier im Wettkampf der Verkehrssysteme abspielt, ist für europäische Verhältnisse nicht untypisch - eine lupenreine Form des Prinzipienkampfes Flugzeug gegen Bahn auf der Mittelstrecke.

Musste die französische Staats-Airline ihre Flüge von Paris nach Brüssel schon völlig einstellen - der Zug war schneller und billiger - geht es nun ans Eingemachte: Erst im vergangenen Juni wurde die neue TGV-Verbindung Paris-Marseille in Betrieb genommen - schon ist der Marktanteil der Bahn auf der 800-Kilometer-Strecke auf fast 60 Prozent geschnellt.

Da hört für die Manager des Flugverkehrs der Spaß auf: Ab sofort haben sie den Preis für ein Rückflugticket Paris-Marseille auf 81 Euro gesenkt. Für den TGV muss der Reisende dagegen 126,20 Euro hinlegen. Nun ist der Flug Paris-Marseille also günstiger und schneller als der Bahn-Sprinter.

Das heißt aber noch nicht, dass der Flieger von den Reisenden demnächst wieder bevorzugt wird. In nur drei Stunden rast der TGV von Paris nach Marseille - ein in Deutschland noch unvorstellbares Tempo für eine Entfernung wie Hamburg-München. Und im Vergleich zum Flugzeug hat der Zug zwei Vorteile, die vor allem Geschäftsreisende zu schätzen wissen: Die Bahn fährt direkt von Stadtzentrum zu Stadtzentrum, ohne Taxi- oder Busanschluss. Zudem spricht die Sicherheit für den Transport am Boden - Terroranschläge wie die vom 11. September oder Abstürze sind für die Bahn Fremdwörter.

Der Kampf zwischen Schiene und Flug erscheint auch deshalb interessant, weil in beiden Unternehmen der französische Staat das Sagen hat. Air France gehört zu 55,9 Prozent der Öffentlichen Hand. Die Airline wird weitgehend abgeschirmt gegen private Billig-Flieger und ausländische Konkurrenz. Außerdem profitiert sie - wie British Airways und Lufthansa - von der mangelnden Besteuerung des Flugbenzins.

Die Staatsbahn SNCF ihrerseits nutzt geschickt Milliarden-Investitionen, um ihre Hochgeschwindigkeitstrassen wie ein Fangnetz über das Land zu werfen. Schon gibt es Schnellverbindungen nach Grenoble und Montpellier, Bordeaux und London. Air France und SNCF können unter diesen Bedingungen eigentlich ideal wirtschaften.

Wer zu den Mittelmeergestaden noch mit dem eigenen Wagen fährt, scheint nicht mehr ganz zeitgemäß. "Wir haben eine neue Kundenkategorie identifiziert", sagt ein Autoverleiher: "Die Privilegierten reisen heutzutage mit der Bahn oder dem Flugzeug an und mieten sich vor Ort einen Wagen." Bahn und Fluggesellschaften bieten Paketlösungen inklusive Leihwagen an, womit sie den Trend zum bequemen Reisen verstärken.

Für umweltbewusste Verkehrsverbände ist das Konkurrenzgebaren zwischen Bahn und Flugzeug nicht nachvollziehbar, noch dazu, wenn es staatlich anders gelenkt werden könnte. "Das nimmt groteske Ausmaße an", sagt der Präsident des Fahrgastverbandes FNAUT, Jean Sivardière. Der Preiskampf zwischen SNCF und Air France ist für ihn ein "Beweis, dass es in Frankreich keine Verkehrspolitik gibt".

Eine Verkehrslenkung über den Tag hinaus würde jedem Verkehrsträger "sein spezifisches Feld überlassen". Also: Überseeverbindungen für das Flugzeug, tausend Kilometer über Land für die Hochgeschwindigkeitszüge. Auf Kosten der Umwelt könne sich der Kunde dagegen derzeit ins Flugzeug setzen. "Fluggesellschaften zahlen keine Treibstoffsteuer und keine Öko-Abgabe", klagt Sivardière. "Konkurrenz ist gut, aber sie muss gerecht sein."

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