Frankreichs Unternehmen nehmen Reform vorweg
Chirac und Jospin taktieren in der Rentenfrage

Frankreichs Rentensystem droht der Kollaps. Doch die Wahlkämpfer Chirac und Jospin wagen nur vorsichtig Reformvorschläge. Viele Firmen bieten inzwischen betriebliche Sparpläne an.

PARIS. In Frankreich stehen die Zeichen auf Revolution - aber nicht in der Hauptstadt, sondern im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand. Dort hat der Reifenkonzern Michelin, Urgestein des französischen Patronalismus, seinen Mitarbeitern erlaubt, sich an seinem Kapital zu beteiligen und damit etwas für ihre Rente zu tun.

Und er gewährt ihnen dabei sogar Rabatt. Bis zu 2,7 Millionen eigene Aktien, 2 % seines Börsenkapitals will Michelin im Rahmen eines Beteiligungsprogramms nach dem Gesetz über das Mitarbeitersparen ("épargne salariale") losschlagen: Mitarbeiter bekommen die ersten zehn Anteile für 40 % des aktuellen Aktienkurses, die nächsten zehn sind für die Hälfte des Kurses zu haben, alle weiteren Titel gibt es immerhin für vier Fünftel vom Kurswert. Michelin ist mit diesem Programm weit vorgeprescht, doch auch andere Firmen geben im Rahmen von Sparprogrammen Belegschaftsaktien aus.

Das Interesse ist riesig. Bei Renault wurde eine für Mitarbeiter reservierte Kapitalerhöhung um 2,9 Mill. Aktien 122fach überzeichnet. Beim Bau- und Telefonkonzern Bouygues hält die Belegschaft fast ein Zehntel des Kapitals. Und bei zahlreichen Teilprivatisierungen hat der Staat rund ein Zehntel der Aktien, die er verkaufte, für die Mitarbeiter reserviert.

Rund 2 Mill. Franzosen halten heute Belegschaftsaktien der Firmen, für die sie arbeiten. Damit sind in Frankreich die Unternehmen den Wahlkämpfern weit voraus. Beide Favoriten für die Präsidentschaftswahl am 5. Mai, Amtsinhaber Jacques Chirac und Premierminister Lionel Jospin, haben zwar eine Rentenreform zur Priorität erklärt. Die Umrisse ihrer Pläne aber deuten sie nur vorsichtig an. Neben der Stützung des beitragsgedeckten Systems setzen beide auf verschiedene Formen einer privaten Säule. Chirac will Pensionsfonds "à la française" einführen. Dabei haben sich die Experten des Gaullisten die rot-grüne Riester-Rente genau angesehen. "Die deutsche Rentenreform ist sehr mutig und interessant", sagt Jean-François Copé, Chiracs Wirtschaftsberater, dem Handelsblatt.

Sozialist Jospin setzt auf "kollektive betriebliche Sparpläne". Den Begriff Pensionsfonds meidet der Premier. Viele seiner Parteifreunde halten Pensionsfonds für ein kapitalistisches Übel. Dass im Zuge des Enron-Skandals Tausende Beschäftige des US-Multis ihre Pensionsansprüche verloren, hat viele in dieser Einschätzung bestätigt.

So argumentieren auch die Gewerkschaften. Sie sind verärgert, seit sie im Schlusskommuniqué des EU-Gipfels von Barcelona gelesen haben, dass Europas Regierungen das Rentenalter bis 2010 um fünf Jahre nach oben verschieben wollen. Für Bernhard Thibault, Chef der kommunistischen Gewerkschaft CGT, ist das "unakzeptabel". Sein Kollege Marc Blondel von "Force Ouvrière" drohte gar mit einem "Generalstreik", sollte am Rentenalter von 60 Jahren gerüttelt werden. Frankreich ist das einzige Land in der EU, das Männer wie Frauen derart jung in den Ruhestand schickt und bei voller Beitragsleistung 75 % des letzten Gehalts als Rente auszahlt.

Jospin kann sich zugute halten, dass seine Regierung die Möglichkeiten ergänzender betrieblicher Sparpläne ausgeweitet hat. Bis zu 4 600 Euro pro Jahr dürfen die Firmen den Mitarbeitern zuschießen. Kleinbetrieben ist die kostensparende Zusammenlegung von Sparplänen verschiedener Firmen erlaubt. Doch Jospins Minireform konnte Frankreichs Rentensystem nicht langfristig sichern. Eine Studie des Planungskommissariats, die Jospin selbst in Auftrag gab, wirft der Regierung vor, die Rentenreform auf die lange Bank zu schieben, obwohl "die meisten Industrieländer bereits Reformen initiiert haben."

Auch für die EU-Kommission ist der Zustand des französischen Rentensystems eine "Quelle großer Sorge". Zwar ist Frankreichs demografische Entwicklung gesund. Ein "Mini-Babyboom" beschert dem Land einen Überschuss von 250 000 Geburten pro Jahr - das ist Spitze in der EU. Aber im Jahr 2040 werden jeweils zehn Beitragszahler sieben Rentner durchfüttern müssen. Derzeit kommen auf zehn Beitragszahler erst vier Rentner.

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