Franzi mit Weltrekord über 200 m Freistil
Schwimmen: Dramen und Rekorde

Wenn Deutschlands Vorzeigeschwimmerin Weltrekord über ihre Lieblingsstrecke schwimmt, ergibt dies Stoff für Spielfilme. Das war 1994 in Rom so, als von Almsick eigentlich gar nicht im Finale starten durfte, das war 2002 in Berlin der Fall, als sie zunächst gar nicht starten wollte.

BERLIN. Franziska van Almsick konnte es nicht fassen, als sie auf die Anzeigetafel sah: Weltrekord. Endlich am Ziel, endlich frei geschwommen. In 1:56,64 Minuten allen Frust abgestreift. "Ich bin unheimlich zufrieden und unheimlich stolz", sagte sie nach dem schnellsten Rennen über 200 m Freistil. "Ich wusste, dass ich es drauf habe. Es haben nicht viele an mich geglaubt. Und das ist die tiefe Zufriedenheit in mir, dass ich verdammt noch mal Recht behalten habe."

Acht Jahre war sie ihrem Weltrekord hinterher geschwommen. Kaum jemand hatte ihr zugetraut, je wieder auch nur in die Nähe dieser Bestmarke zu kommen. Aber sie selbst hat an sich geglaubt - und ihr Trainer Norbert Wandratsch, der sie in einem Jahr wieder auf den Gipfel zurück führte. "Ihr Talent kann ihr niemand nehmen", sagte er. Jetzt kann sie 2004 in Athen ihre vierten Olympischen Spiele in Angriff nehmen. "Mit einem Olympiasieg würde sie unsterblich", sagte der NOK-Präsidentschaftskandidat und frühere Weltklasse-Schwimmer Klaus Steinbach. "Man kann sich nur wünschen, dass sie bis Athen weiter macht", forderte Thomas Rupprath die Kollegin zum Weitermachen auf. Doch Franziska van Almsick geht zunächst in Urlaub - und will überlegen.

Lange überlegen musste sie auch vor dem Rennen am Samstag. "Ich bin morgens aufgewacht und dachte, ich hätte Fieber. Ich dachte, ich müsse liegen bleiben, meinen Start absagen. Ich habe mir", sagte sie, "schon überlegt, wie ich dem Publikum das erklären soll". Natürlich hatte sie kein Fieber, natürlich blieb sie nicht liegen. "Aber solche Wahnvorstellungen hatte ich".

Das Drama um ihren neuen Weltrekord passt hervorragend zu dem von 1994 bei der WM in Rom: Auch dort weinte sie hemmungslos nach ihrer Bestleistung. Doch eigentlich hätte die große Favoritin damals gar nicht im Finale schwimmen dürfen. Sie hatte sich im Vorlauf katastrophal verpokert. Sie wollte am Vormittag Kraft sparen für den Endlauf, sie wollte unbedingt auf die geliebte Bahn acht. Aber sie schlug nur als Neunte an und verpasste damit den Endlauf. Die deutschen Funktionäre waren entsetzt. Und van Almsick verschwand mit einem Heulkrampf.

Aber Dagmar Hase, die 400-m-Olympiasiegerin von 1992, durfte auf Bahn acht im Finale schwimmen. Besser gesagt: Sie hätte schwimmen dürfen. Aber in einer Eilentscheidung, es blieben den Regeln dreißig Minuten bis zum Meldeschluss fürs Finale, beschlossen Hase, ihr Trainer Bernd Henneberg und der damalige Schwimmwart Ralf Beckmann: Hase wird ihren Finalplatz an van Almsick abgeben.

Als der Tausch bekannt wurde, kursierten wilde Spekulationen. Hase sei unter Druck gesetzt worden, hieß es, und auch: Van Almsicks damaliger Manager Werner Köster habe Hase den Finalplatz abgekauft. Das war allerdings garantiert falsch. Denn Köster stand die ganze Zeit bei den Journalisten und war selbst fassungslos. Er hatte gar keine Zeit, etwas zu bieten.

Franziska van Almsick erinnert sich heute nur noch dunkel an diesen Tag. "Ich weiß nur noch, dass es mir sehr schlecht ging". Das sah ihr auch jeder an. Sie hatte den Startplatz erst einmal vehement abgelehnt. Schließlich trat sie doch an, und der Druck, unter dem sie stand, war gewaltig. Doch dieser Druck entlud sich in einem phänomenalen Rennen: Die 16-Jährige zog sich mit eleganten Bewegungen durchs Wasser und verbesserte den Weltrekord von Heike Friedrich (DDR) um 77 Hundertstelsekunden. Als sie dann im Pressebereich auf einem Stuhl saß, da weinte sie nur noch. Am nächsten Tag erschien sie zur Pressekonferenz mit einer Stimmung, als hätte sie gerade das Schwimmen verlernt.

Dagmar Hase erhielt später den Fair-Play-Preis für ihre Geste. Sie gehörte jahrelang zu denen, die unter der Medien-Dominanz von Franziska van Almsick litten. Irgendwann sagte Dagmar Hase: "Ich war in Rom der Depp".

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