Französische Bankenlandschaft wird neu geordnet
BNP steigt bei Crédit Lyonnais ein

Durch einen Überraschungscoup ist wieder Bewegung in die festgefahrene Neuordnung der französischen Bankenlandschaft gekommen. BNP Paribas erwarb in der Nacht zum Sonntag bei einer Blitzversteigerung für rund 2,2 Mrd. Euro den staatlichen Anteil von knapp 11 % an der Großbank Crédit Lyonnais (CL). Frankreichs führendes Kreditinstitut ist dort jetzt größter Einzelaktionär. Zuvor hatte es schon rund 1 % über die Börse erworben.

PARIS. "Als größte Bankgruppe in der Euro-Zone konnten wir nicht einfach untätig zusehen, wie durch den Ausstieg des Staates über die Zukunft eines so wichtigen Institutes wie Crédit Lyonnais entschieden wurde", sagte BNP-Paribas Vorstandschef Michel Pébereau nach dem Zuschlag. Pébereau kann den Kauf quasi aus der Portokasse bestreiten. BNP Paribas erzielte in den ersten neun Monaten dieses Jahres 2,66 Mrd. Euro Reingewinn. Ein BNP-Sprecher schloss aus, dass seine Bank in absehbarer Zeit ein Übernahmeangebot für CL abgeben werde.

BNP Paribas bootete im Handstreich die genossenschaftliche Finanzgruppe Crédit Agricole aus, die bisher mit 10,7 % stärkster Aktionär bei CL war. Allerdings können die Agrarbanker auch auf die 3,7 % der italienischen Banca Intesa zählen, bei der sie größter Aktionär sind.

Das drittgrößte Aktienpaket hält die zur Allianz-Gruppe gehörende Versicherung AGF. Sie besitzt 10,5 % der Aktien, aber nur gut 6 % der Stimmrechte bei der Bank. Auch nach der Neuordnung geht die Allianz davon aus, dass sich nichts an der guten Zusammenarbeit mit CL im Vetrieb von Versicherungen ändert. In Finanzkreisen wurde gestern darüber spekuliert, ob die Allianz-Tochter AGF ihre Interessen mit jenen von BNP Paribas poolen könnte. AGF nahm dazu bisher nicht Stellung.

Bei der Auflösung der Partnerschaft von Dresdner Bank und BNP Paribas vor einigen Wochen hatte BNP-Chef Michel Pébereau durchblicken lassen, man könne sich eine Zusammenarbeit mit der Dresdner Bank oder der Allianz auf anderer Ebene durchaus vorstellen.

Gelänge Pébereau eine Übernahme von CL, entstünde in Frankreich eine private Bank mit deutlich über 15 % Marktanteil, wie ein Pariser Banker sagte. Dies wäre eine gute Voraussetzung für die Expansion in europäische Nachbarländer. Das entscheidende Hindernis für Pébereau sind Verkaufsbeschränkungen für die CL-Pakete der Kernaktionäre. Diese laufen im Juli 2003 aus.

Frankreichs Finanzminister Francis Mer hatte die Versteigerung des Staatsanteils kurzfristig für das Wochenende anberaumt und dabei den Preis zum Alleinkriterium für den Zuschlag gemacht. Die Gebote der übrigen Institute waren dem Minister zufolge deutlich niedriger. "Die Offerte von BNP Paribas für das gesamte Paket war signifikant besser als die Gebote der anderen Kandidaten", sagte der Minister.

Mit 58 Euro je Aktie liegt der von BNP Paribas gezahlte Preis mehr als 50 % über dem CL-Kurs vom Freitag. Die Aktie notierte zuletzt um 38,50 Euro. Die Offerte übersteigt auch den bisherigen Höchststand der Aktie von Ende 1999. Damals hatte sie 54 Euro erreicht. Crédit Lyonnais wird durch die Offerte insgesamt mit über 20 Mrd. Euro bewertet. Das ist mehr als die Börsenkapitalisierung von Crédit Agricole, die allerdings nur einen Teil des Gesamtwerts der finanzstarken genossenschaftlichen Finanzgruppe ausmacht.

Der Crédit-Lyonnais-Vorstandschef Jean Peyrelevade war von der Auktion vorab nicht informiert gewesen. Am Samstag hatte er vor den Konsequenzen der Auktion gewarnt. Peyrelevade hatte bisher darauf gesetzt, Crédit Agricole und AGF bei Crédit Lyonnais gleich stark zu halten.

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