Französischer Zentralbankchef soll EZB-Präsident werden
Das lange Warten des Jean-Claude Trichet

Er wird es. Er wird es nicht. Er wird es. Er wird es nicht. . . Er wird es doch? Die Chancen von Jean-Claude Trichet, Nachfolger von Wim Duisenberg als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) zu werden, wechselten in diesem Jahr beinahe im Monatstakt.

HB PARIS. Zu Weihnachten bescherte die Pariser Staatsanwaltschaft dem 60-jährigen französischen Zentralbankchef schließlich das - wie Trichet innig hofft - entscheidende Präsent: Der Prozess, genau genommen die Anhörung im Ermittlungsverfahren in der Crédit-Lyonnais-Affäre, in der Trichet der Bilanzfälschung verdächtigt wird, beginnt wie geplant am 6. Januar 2003 und endet am 12. Februar. Damit dürfte rechtzeitig fest stehen, ob ein Strafverfahren gegen Trichet eingeleitet wird. Wird der Verdacht ausgeräumt, steht seiner Berufung zum EZB-Chef nichts mehr im Weg. Duisenberg will am 9. Juli 2003, an seinem 68. Geburtstag, zurücktreten.

Folgt Trichet Duisenberg 2003 nach, ist die wichtigste und umstrittenste Personalie in der europäischen Wirtschafts- und Finanzwelt nach fünf Jahren endlich geklärt. Begonnen hatte alles auf dem turbulenten EU-Gipfel im Jahr 1998 in Maastricht. Damals trotzte Frankreichs Präsident Jacques Chirac seinen Kollegen die Zusage ab, dass der Nachfolger Duisenbergs ein Franzose sein werde. Wenn auch Chiracs rabiater Verhandlungsstil viel Ärger hinterließ, genießt Trichet in Notenbankkreisen Respekt. Trichet, seit 1993 Gouverneur der Banque de France, ist ein eiserner Verfechter der Inflationsbekämpfung als oberstes Ziel der Geldpolitik. Den Maastrichter Vertrag, der die Statuten der EZB enthält, formte er maßgeblich mit.

Von der Vergangenheit eingeholt

Doch hat den Franzosen seine Vergangenheit eingeholt. Im April 2000 eröffnete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Trichet. Der Verdacht: Als Direktor des Schatzamtes von 1987 bis 1993 soll Trichet die Schieflage der Staatsbank Crédit Lyonnais (CL) verschleiert haben. Bliebe auch nur der Verdacht der Bilanzfälschung, wäre Trichet als Hüter des Euro untragbar. Für Trichet begann eine juristische Achterbahnfahrt. Erst lehnte Frankreichs höchstes Gericht Anfang 2002 eine Einstellung der Verfahrens ab. Dann beantragte die Staatsanwaltschaft im Juni die Einstellung des Verfahrens - und Trichets Chancen stiegen wieder. Sechs Wochen später setzte Ermittlungsrichter Philippe Courroye dennoch den Prozess an: Manchem schien Trichets Karriere beendet.

Aber dann wurde der Termin - auf sanften Druck aus dem Präsidentenpalast? - so früh angesetzt, dass Trichet noch eine Chance bekam. Weil aber neues Beweismaterial auftauchte, drohte im November wieder eine Verschiebung des Verfahrens. Jüngst sagte dann Generalstaatsanwalt Yves Bot, er beantrage keine Vertagung mehr.

Nicht nur Trichet dürfte das freuen. Auch Chirac wird erleichtert sein, wenn er Trichet im Juli endlich als EZB-Chef nominieren kann. Dem konservativen Präsidenten fehlen Alternativen. Als Sozialist entstammt Ex-Finanz- und Premierminister Laurent Fabius dem falschen politischen Lager. Michel Camdessus, der langjährige Chef des Internationalen Währungsfonds, feiert 2003 seinen 70. Geburtstag. Er wäre wohl zu alt für die achtjährige Amtszeit als EZB-Chef. Allein der 51-jährige Christian Noyer, der Ende Mai turnusgemäß als EZB-Vizepräsident ausschied, gilt in Notenbankkreisen noch als Ersatzkandidat. Aber ihm mangelt es an politischer Rückendeckung. Auch wegen der dünnen Personaldecke in Frankreich hielt Chirac trotz aller Wirren stets eisern an Trichet fest.

Nur ein Freispruch erster Klasse für Trichet kann alle Spekulationen beenden. Und wenn die Mühlen der Justiz doch ein wenig langsamer mahlen, als es sich Trichet wünscht, hat Duisenberg sich und seinem Nachfolger bereits ein Hintertürchen geöffnet: Er sei "bereit, wenn andere das für notwendig halten, im Interesse eines weichen Übergangs zu einer neuen Spitze etwas länger im Amt zu bleiben", sagte er jüngst. Trichet wird hoffen, dass er Duisenberg nicht beim Wort nehmen muss. Aber nach dem langen Hin und Her wird er die Rücksichtnahme aus Frankfurt als Rückversicherung unter Gentlemen gern in der Hinterhand halten.

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