Franzose Jean-Claude Trichet will EZB-Chef Duisenberg beerben
Seit Jahren in den Startlöchern

Seit Jahren steht Jean-Claude Trichet in den Startlöchern, um EZB-Chef Wim Duisenberg als obersten Währungshüter in Europa zu beerben.

afp PARIS. Jetzt, wo die Katze aus dem Sack ist und Duisenberg für den Juli 2003 seinen Rücktritt bekanntgab, könnte der 59-Jährige Trichet zum Endspurt ansetzen. Aber seine Kandidatur steht auf wackligen Beinen, denn sein Name ist nicht nur mit dem harten Franc, sondern auch mit dem größten Bankenskandal der französischen Nachkriegsgeschichte verbunden: der Milliardensanierung der Großbank Crédit Lyonnais durch den französischen Steuerzahler.

Seit 1993 steht Trichet an der Spitze der Banque de France, der französischen Notenbank. In seine Amtszeit fallen ein deutlicher Rückgang der Inflation, die Politik der Währungsstabilität sowie die Vorbereitung und schließlich der Übergang zur Euro-Währung. Beim EU-Gipfel im Mai 1998 wurde ausgehandelt - so stellt es jedenfalls die französische Seite dar -, dass Duisenberg nach der Hälfte der Amtszeit von Trichet abgelöst werden würde. Als der Niederländer jedoch vor kurzem erklärte, er denke gar nicht daran, in diesem Sommer aufzuhören, war der Ärger in Paris groß.

Andererseits ist Trichet ein angeschlagener Kandidat. Erst vor einer Woche entschied der Pariser Kassationsgerichtshof, dass die Ermittlungen um mutmaßliche Milliarden-Schiebereien bei der Crédit-Lyonnais-Privatisierung weitergeführt würden. Für die Sanierung der Großbank waren rund 100 Mrd. Franc (rund 15,2 Mrd. Euro) Steuergelder ausgegeben worden, bevor das Institut 1999 privatisiert wurde.

Den politisch Verantwortlichen soll die Finanzkrise der Staatsbank schon sehr früh klar gewesen sein. Trichet und sein Vorgänger Jacques de Larosière werden zusammen mit anderen Beamten verdächtigt, Anfang der 90er Jahre manipulierte Bilanzen abgesegnet zu haben, um die dramatischen Verluste bei der Großbank zu vertuschen. Die Entscheidung über eine Anklageerhebung soll in den kommenden Monaten fallen.

Trichet, in Lyon geboren, studierte zunächst Bergbau an der Universität von Nancy, bevor er nach Paris wechselte und dort die Elite-Verwaltungshochschule ENA absolvierte. Dann kletterte Trichet rasch die politische Karriere-Leiter hinauf: Er gehörte zum Beraterstab des rechtsliberalen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing, verhandelte in den 80er Jahren für den Pariser Club Umschuldungsabkommen für Länder der Dritten Welt. 1986 und 1987 war Trichet Kabinettsdirektor unter dem damaligen Wirtschaftminister Edouard Balladur, anschließend wurde er zum Direktor der Finanzverwaltung ernannt - eine der angesehensten Funktionen in der französischen Verwaltung.

Seit Mitte der 80er Jahre zählt "Frankreichs kultiviertester Beamter", wie Trichet gelobt wird, zu den wichtigsten Köpfen bei der Vereinheitlichung der Währungspolitik in den Euro-Ländern. Er beteiligte sich an der Ausarbeitung des Maastricht-Vertrages und drückte immer wieder Leitzins-Erhöhungen durch, um den französischen Franc zu einer harten Währung zu machen.

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