Fred Alger startete zweite Karriere
Rückkehrer in höchster Not

Das Attentat auf das World Trade Center traf das New Yorker Fondshaus Fred Alger Management Inc. hart. Fred Alger beendete den Ruhestand und baute seine Firma in einem ungeheuren Kraftakt wieder auf.

NEW YORK. Am Abend des 11. September 2001 steht James P. Connelly Jr., Vice Chairman des Fondshauses Fred Alger Management Inc., mit Kollegen zusammen. Die Lage ist verzweifelt. Algers Analysten und Fondsmanager arbeiteten im 93. Stock des New Yorker World Trade Centers (WTC), das Terroristen vor wenigen Stunden zum Einsturz gebracht haben. Vermisst wird auch Firmenchef David Alger. "Die Zeit verstrich, und wir hatten kein Lebenszeichen", erinnert sich Connelly.

Da klingelt das Telefon. Firmengründer Fred Alger, der die Führung vor mehr als sechs Jahren seinem jüngeren Bruder David übergab, ist in der Leitung. "Fred sagte: ,Ich fürchte, wir werden kaum noch positive Nachrichten bekommen. Morgen teilen wir der Presse mit, dass ich zurückkehre?", erinnert sich Connelly.

Rettung des Lebenswerks

Mit diesem Anruf begann die zweite Karriere des Gründers, Haupteigners und Namensgebers von Fred Alger Management. "Ich habe den Einsturz der Türme zufällig im Fernsehen verfolgt, und mir war sofort klar: Ich gehe zurück." Es ging um sein Lebenswerk. 35 Mitarbeiter von Alger Management starben im WTC, darunter auch Freds Bruder David. Heute sagt Fred Alger: "Ich habe keine Sekunde gezweifelt, dass unsere Firma das übersteht."

Doch eine Zeit lang schien das Fondshaus, das mehr als 13 Milliarden Dollar verwaltet, auf der Kippe zu stehen. "Wir haben drei Viertel unseres geistigen Kapitals verloren", sagt Alger. Außer dem Anleihehaus Cantor Fitzgerald, bei dem mehr als 600 Mitarbeiter starben, wurde kein Unternehmen von dem Attentat so hart getroffen wie Alger Management.

"Das Geschäft läuft weiter."

Am 13. September - nur zwei Tage nach der Katastrophe und einen Tag nach seiner Rückkehr - organisiert Alger eine Telefonkonferenz mit allen wichtigen Kunden. Seine Botschaft: "Unser Geschäft läuft weiter, und es gibt keinen Grund, eure Gelder abzuziehen." Gleichzeitig sucht er fieberhaft neue Leute. Dabei hilft ihm das große Netz früherer Mitarbeiter, die er zum Teil noch selbst einstellte. "Wir hatten großes Glück, dass wir über all die Jahre stets junge Analysten ausgebildet haben, von denen viele Karriere an Wall Street gemacht haben", sagt Alger.

Als Erster kehrt Dave Hyun zurück. Der Fondsmanager verbrachte zehn Jahre bei Alger, bevor er einen Topjob beim Vermögensverwalter Oppenheimer antrat. "Fred sagte zu mir: ,Ich brauche dich. Die Firma braucht dich.? Und ich dachte an all die Menschen, die dort gearbeitet haben", erinnert sich Hyun. Nach einigen schlaflosen Nächten willigt er ein. Oppenheimer entlässt ihn sofort aus seinem laufenden Vertrag - ein seltenes Beispiel persönlicher und professioneller Solidarität an der sonst so profitgierigen Wall Street. Andere folgen Hyun. Zum Beispiel Teresa McRoberts, die ihren frisch gegründeten Hedge-Fund verlässt, um Alger zu helfen. "Wenn ich Fred ,Nein? gesagt hätte, hätte ich mich für lange Zeit sehr schlecht gefühlt", begründet die Top-Analystin für Pharma- und Biotech-Aktien ihre Entscheidung. Andere, wie Ölexperte Ron Reel, kommen aus dem Ruhestand zurück.

Heute hat Fred Alger es geschafft. Bei einer Deutschlandtour präsentiert er stolz die Fotos seiner neuen Crew. Sie besteht - bis auf einen "echten" Neuzugang - vollständig aus Überlebenden und zurückgekehrten Alger-Mitarbeitern. "Das ist das beste Team, das wir je hatten", sagt der 67-jährige, leicht gebräunte Un-Ruheständler, dem man seine lange Pause vom Fondsgeschäft nicht anmerkt. Und weiter: "Wir verwalten schon wieder mehr Vermögen als am 10. September." Nur wenige Großkunden sind abgesprungen. Zusätzlich half Alger die Kursrally bei Technologieaktien im Spätherbst, denn das Fondshaus ist traditionell auf US-Wachstumsfirmen fokussiert.

Wie lange Alger seinen neuen, alten Job macht, lässt er offen. Klar ist, dass er sich schrittweise zurückzieht, wenn "die Zeit dafür reif ist". Dass seine Firma die Katastrophe überstand, lag auch an Fred und David Algers Vorsorge. "Wir hatten uns vor Jahren auf einen Terroranschlag vorbereitet", erzählt Fred Alger. Er mietete komplette Büroräume in Morristown, im US-Bundesstaat New Jersey, wo täglich alle Daten des Fondsverwalters gesichert werden. Unmittelbar nach dem Anschlag arbeiteten sämtliche Alger-Mitarbeiter in der Notzentrale.

Mittlerweile sind die Fondsmanager in neue Büros in Manhattan gezogen - trotz der furchtbaren Erfahrung im Herzen der Finanzwelt. "Wir wollen nah am Markt und nah bei unseren Kunden sein", sagt Alger.

Seine Gefühle blendete er bei dieser Entscheidung aus - wie bei der gesamten Rettungsaktion der vergangenen Monate. "Fred stand zu Dave, der zehn Jahre jünger war, mehr wie zu einem Sohn als wie zu einem Bruder", verrät Connelly. Der Senior sagt nur: "Wir werden nie vergessen, was passiert ist. Aber mein Job ist, dafür zu sorgen, dass es weiter vorangeht."

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