Freie Spezialisten müssen helfen
Report: Ein Fall für zwei Laien

Wolfgang van Betteray und Hans-Joachim Ziems wissen wenig vom Mediengeschäft, sollen aber das insolvente Kirch-Reich sanieren. Sie versuchen das mit Konzepten, die schon im Schiffbau griffen. Und mit alten Bekannten, die den Konzern vorher ruinierten.

 

Wer im Hause Kirch was zu sagen hat, dessen Name prangt vor der Sicherheitsschleuse im zweiten Stock der Ismaninger Konzernzentrale. Dort, in kargen Büros, regierte Leo Kirch über ein gewaltiges Medienreich, dort sind nun seine Nachfolger eingezogen. Neben der Klingel stehen die Namen der neuen Herrscher: van Betteray! Ziems! Mojto! Mojto? Den Schriftzug "haben wir vergessen abzumachen", sagt der Pressesprecher mit Blick auf den Namen des ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden, Jan Mojto, "aber die wirklich wichtigen Namen sind ja aktuell".

"Die", das sind die Kirch-Media-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems, 48, und Wolfgang van Betteray, 55. Seit gut zehn Wochen lenken die fröhlichen Rheinländer die insolvente Kirch Media. Ihr Auftrag: Sie sollen den verschachtelten Konzern mit seinen 120 Tochterfirmen und 10 000 Mitarbeitern neu organisieren und sanieren. Es ist, gemessen an den Schulden, der größte Konkursfall der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Und es ist eine Geschichte mit einem Drehbuch, das ein ganzes Volk interessiert: Es geht um Fußball, um die Formel 1, um Hollywood-Filme und Premieres nun gefährdete Erotik-Offensive.

Ausgerechnet diesen heiklen Auftrag sollen die Medienlaien van Betteray und Ziems erfüllen, zwei, die nach Meinung von Kritikern keine Ahnung haben von dem, was sie da jetzt machen. Hans Reischl, Chef der an Kirch Media beteiligten Rewe, mäkelt: "Ich raufe mir die Haare über so einen Umstand, denn von denen weiß keiner, wie man mit einem Filmstudio umgeht." Und ein Banker, dessen Arbeitgeber zu den Gläubigern gehört, meint: "Die haben von Medien keinen Schimmer. Hoffentlich geht das gut."

Kirch und Hahn sollen beraten

Doch wo van Betteray und Ziems draufsteht, da sind immer noch auch Leo Kirch und dessen Kompagnon Dieter Hahn drin. Beide sollen Beraterverträge erhalten, damit das neue Führungsduo das Know-how des alten weiter nutzen kann. Es seien nur noch wenige Vertragsdetails zu regeln, die Abschlüsse stünden unmittelbar bevor, heißt es dazu aus Firmenkreisen.

Die Neuen bei Kirch wissen sehr wohl, dass diese Verträge Außenstehenden nur schwer vermittelbar sind: Gerade die Männer, die den Konzern ruiniert haben, sollen nun an dessen Rettung mitarbeiten, noch dazu für ein Millionen-Honorar. Van Betteray und Ziems erklären es so: "Wir benötigen noch immer Sachaufklärung in Einzelfragen." Und so scheuen sie keine Kosten und keinen Ärger, um ihr Ziel zu erreichen: Der Konzern soll als Ganzes erhalten bleiben. Van Betteray formuliert es so: "Eine Zerschlagung der Kirch Media kommt für uns nicht in Frage." Also prüft der Sanierer nur zwei Alternativen ernsthaft: die Gründung einer Auffanggesellschaft, an der sich Investoren beteiligen könnten, und die - wenig wahrscheinliche - Rücknahme des Insolvenzantrags durch eine Kapitalspritze der Alt-Gesellschafter.

Mit dieser Vorgabe bleibt van Betteray seiner Arbeitsweise treu, die ihm einen wohlklingenden Namen als Insolvenzexperte eingebracht hat. Erreicht ihn ein Hilferuf, trommelt er zunächst ein Team freier Spezialisten zusammen, die er gerne unter Kollegen rekrutiert; und er bedient sich stets auch professioneller Beratung durch McKinsey und Co. Als der Hilferuf zweier Gläubigerbanken Mitte Februar kommt, bittet van Betteray um drei Tage Bedenkzeit und alte Bekannte um Hilfe. Inzwischen gehören der Stuttgarter Insolvenzexperte Klaus Görg, der zwischenzeitlich schon als künftiger Premiere-Chef gehandelt wurde, und eben Ziems zu seiner Truppe. Alle drei kennen einander von vielen Insolvenzverfahren. Dazu kommt, bestimmt vom Amtsgericht, der bis dahin weithin unbekannte Münchener Insolvenzverwalter Michael Jaffé, 39. Der muss alle Entscheidungen bei Kirch Media über zwei Millionen Euro abnicken.

Müde sehen die beiden Geschäftsführer aus an diesem warmen Mai-Tag. Schatten liegen unter ihren Augen. Van Betteray raucht Marlboro um Marlboro, Ziems trinkt Kaffee auf Kaffee. Beide tragen das Haar links gescheitelt und etwas zu lang, van Betteray grau und etwas zu strähnig, Ziems dunkel und etwas zu gut geföhnt. Die beiden haben sich Kirch Media aufgeteilt: Van Betteray ist für die Filme zuständig, Ziems beackert den Sport. Jeden Tag sitzen sie nun da, oft bis nach Mitternacht und versuchen, das Gestrüpp Kirch Media zu entwirren. Sie werkeln an Strukturkonzepten, verhandeln mit möglichen Investoren und führen Gespräche mit Gläubigern aus aller Welt. Dass sie dabei hin und wieder den Überblick über ihren Terminkalender verlieren, scheint fast zwangsläufig. So platzt die Sekretärin mitunter in Gespräche und macht auf andere, wichtigere Termine aufmerksam: "Herr Ziems, noch zehn Minuten!" "Und dann?" "Fußball!" "Ach, ja!"

Die Situation ändert sich ständig

Die Lage ist unübersichtlich - und ändert sich ständig. Am Mittwoch etwa ging auch die Pay-TV-Holding in die Insolvenz. Jetzt gibt es wieder neue Verwalter, neue Geschäftsführer, neue Gläubigerausschüsse - kurz: neue Panik auf allen Ebenen. Van Betteray: "Der Druck ist wahnsinnig groß, die Aufgabe wahnsinnig komplex." Und die Zeit drängt. "Bis Juni reicht das Geld aus der Zwischenfinanzierung der Banken über 100 Millionen Euro", sagt Ziems. Noch einen derartigen Kredit wird es wohl nicht geben.

Inzwischen haben sich Leo Kirch und Dieter Hahn mit einigen wenigen Mitarbeitern in ihr Innenstadtbüro zurückgezogen. Von dort aus leiten sie die Reste des Kirch-Konzerns. Von dort aus stehen sie aber auch in engem Kontakt mit den Sanierern. Wenn van Betteray sich mit Abgesandten der Hollywood-Studios trifft, telefoniert er vorher stets mit Kirch und lässt sich über die Taktik und Eigenarten der Geschäftspartner informieren. Und Ziems spricht mit Hahn, wenn er mit den Fußballfunktionären zusammenkommt, die oft und gerne drohen: "Haltet die Verträge ein, sonst..."

Fast täglich trudelt die Kirch-Welt so von einer Krise in die nächste. Mal ist bei der Taurus-Holding von Insolvenz die Rede, dann soll ein lokaler TV-Sender dichtgemacht werden. Wie kann da noch normal gearbeitet werden? "Zum Glück haben uns bisher nicht viele leitende Angestellte verlassen", sagt van Betteray, "ich habe das Gefühl, der Laden funktioniert noch." Er kann es nur vermuten, Zeit, um das laufende operative Geschäft zu überwachen, hat er keine.

Und so haben die meisten Mitarbeiter die neuen Chefs noch nicht gesehen. Auch nicht jene beim Sportsender DSF, wo über 100 Stellen gestrichen werden. Ein Redakteur sagt: "Die Herrschaften kenne ich nur aus dem TV, hier hat sich niemand blicken lassen." Es sind derartige "Fragen des Stils", die auch ein bekannter Unternehmensberater an dem neuen Duo bemängelt, der aber auch sagt: "Betriebswirtschaftlich macht denen keiner was vor - und das ist gut so nach den beiden Spielernaturen Kirch und Hahn."

Kritik musste sich van Betteray auch schon gefallen lassen, als bekannt wurde, dass er Roland Berger ins Haus holt, obwohl die Konkurrenten von McKinsey gerade erst ihre Sachen gepackt hatten. "Sie müssen bei einem komplexen Gebilde wie Kirch ihre Entscheidungen überprüfen lassen", sagt van Betteray und erinnert daran, dass er dies schon bei den Werftentöchtern des Bremer Vulkans mit Boston Consulting praktizierte, "und zwar erfolgreich", wie er hinzufügt; tatsächlich erhielt er später die Verdienstmedaille der Stadt Bremerhaven für seine dortigen Rettungsdienste.

Und so durchleuchten derzeit 22 Berger-Experten Kirch Media - pikanterweise unter Führung von Ralf Kogeler. Der Ex-Springer-Mann ist seit April Partner bei Berger, nachdem er zuvor überraschend seinen Vorstandsposten im Verlag aufgab. Jetzt bekommt Kogeler einen intimen Einblick in die Bücher Leo Kirchs und damit jenes Mannes, der bei Springer immer das Sagen haben wollte und der ausgerechnet durch Springer-Chef Mathias Döpfner zu Fall kam - und das, als Kogeler noch bei Springer war. Van Betteray: "Ich habe mit Kogeler trotzdem kein Problem. Die Berger-Leute machen gute Arbeit."

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