Freie Werkstätten profitieren
Verbraucherschützer rechnen mit sinkenden Autopreisen

Die Neuregelung des Autovertriebs in Europa ist bei der deutschen Automobilindustrie und Gewerkschaften auf Kritik gestoßen, von Verbraucherschützern dagegen wegen der Aussicht auf Preissenkungen begrüßt worden.

Reuters FRANKFURT. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) äußerte sich am Mittwoch besorgt über die Auswirkungen der Neuregelung auf den mittelständischen Autohandel.

Auch die Gewerkschaft IG Metall warnte, die neue Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) gefährde Tausende Arbeitsplätze und bringe den Verbrauchern keine Vorteile. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen dagegen rechnet mit niedrigeren Preisen für Neuwagen und Reparaturen.

Die Europäische Kommission hatte zuvor eine umfassende Liberalisierung des Automarktes beschlossen und die Bindung zwischen Autokonzernen und Händlern gelockert. Sie will durch den Wegfall von Wettbewerbsbeschränkungen den Autohandel über Grenzen hinweg erleichtern und so niedrigere Preise für die Verbraucher erreichen. Die neuen Regeln werden nach einer Übergangsfrist am 1. Oktober 2003 in Kraft treten und betreffen sowohl den Autovertrieb als auch die Wartung in Werkstätten. Die zentrale Aufhebung des Gebietsschutzes verschob die Kommission auf Druck von Autoherstellern um ein Jahr auf Oktober 2005.

Preise werden nicht sinken

VDA-Präsident Bernd Gottschalk bedauerte, dass die Kommission bei der Aufhebung des Gebietsschutzes und dem nunmehr möglichen Handel mit mehreren Marken nicht ausreichend auf Änderungsvorschläge eingegangen sei. Die Erwartung an europaweit sinkende Preise dämpfte er: "Der harte Wettbewerb, der Euro genauso wie das Internet haben schon lange eine klare Tendenz zur europäischen Preisharmonisierung eingeleitet". Einen Autoverkauf "in Stehcafes oder Supermärkten" werde es auch künftig nicht geben.

Die IG Metall warnte vor drastischen Arbeitsplatzverlusten, weil ein Verdrängungswettbewerb einsetzen und mittelständische Unternehmen verschwinden würden. Statt Preissenkungen seien Preiserhöhungen zu erwarten: "Statt sinkender Preise in den Hochpreisländern zeichnet sich eher ein Trend zu Preiserhöhungen in den Ländern ab, in denen Autos bisher vergleichsweise günstig angeboten wurden", warnte Vorstandsmitglied Wolfgang Rhode. Durch steigende Vertriebskosten seien Preissteigerungen um durchschnittlich 350 Euro je Neuwagen zu erwarten.

Verbraucherschützer rechnen mit sinkenden Autopreisen

Nach Einschätzung von Verbraucherschützern dagegen dürfte sich die Neuregelung für die deutschen Verbraucher auszahlen, die bisher besonders unter der Hochpreispolitik der großen Autokonzerne zu leiden hatten. "An den Preisen wird sich sicherlich was tun", sagte der Handelsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Manfred Dimper. So könnten etwa dänische Autohändler künftig in Deutschland Filialen eröffnen und dort die gleichen Autos wesentlich billiger als die Autohäuser vor Ort anbieten. Andererseits werde ein Autobesitzer künftig nicht mehr den Garantieschutz für seinen Wagen verlieren, wenn er ihn statt beim Markenhändler zu günstigeren Preisen in einer freien Werkstatt reparieren lasse.

Auch der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Matthias Wissmann, begrüßte den Beschluss. Er weise in die richtige Richtung und vor allem deutsche Verbraucher würden davon profitieren. Die EU-Kommission habe sich gegen die "Fundamentalopposition von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) durchgesetzt, der wieder einmal nicht die Interessen der Verbraucher, sondern der Großindustrie vertreten habe.

Geteilt war die Reaktion des bayerischen Autobauers BMW auf die Brüsseler Entscheidung. "Glücklich sind wir nicht damit", sagte ein BMW-Sprecher. "Aber wir begrüßen, dass die anhaltende Diskussion mit dieser Entscheidung zu einem Ende gekommen ist." Nun bestehe wieder Rechtssicherheit. Bei BMW würden selbstständige Händler weiter den Dreh- und Angelpunkt darstellen. Die Harmonisierung der Preise in Europa sei bei BMW ohnehin schon weit vorangeschritten. "Wir sehen derzeit durch die Entscheidung keine Beeinflussung unserer Unternehmensergebnisse", betonte der Sprecher.

Momentane Flaute ist schlimmer als die neue GVO

Auch Analysten reagierten eher gelassen auf die Neuregelung. Die derzeitige Flaute treffe die Autokonzerne wesentlich härter als die neue GVO, sagte Daniel Schwarz von der BHF Bank. Ohnehin werde die Neuregelung stärkere Auswirkungen haben auf die Massenhersteller wie VW oder Opel als auf Porsche oder BMW. Vermutlich würden sich die Preise innerhalb Europas nun immer mehr angleichen. Dass Autos künftig massenweise im Supermarkt verkauft würden, sei unwahrscheinlich. Autokäufer würden weiter Wert auf Beratung und Service legen.

Die Berliner Opel-Vertragshändlerin Heidi Hetzer sagte, sie sehe die Entscheidung nicht ganz so negativ wie viele ihrer Kollegen. "Wir können an unsere treuen Kunden auch andere Fabrikate verkaufen - warum nicht", sagte sie. "Autos werden weiter gefahren, die Kunden ändern sich nicht von heute auf morgen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%