Freilassung Menems war ausschlaggebend
Argentiniens Eliten versagen

Nach Plünderungen in Provinzstädten wie Mendoza oder Rosario griffen die Unruhen am Mittwoch auch auf die Zwölf-Millionen- Metropole Buenos Aires über. Bereits seit längerem war befürchtet worden, dass die mehr als 2,3 Millionen arbeitslosen Argentinier irgendwann auch ohne Geld "einholen"gehen würden.

dpa BUENOS AIRES. Präsident Fernando de la Rua, berüchtigt für seine bedächtige Art, betonte dennoch, es bestehe "kein Anlass zur Unruhe". Aufgebrachte Menschen hielten zur selben Zeit rohe Steaks vor die Fernsehkameras, um klar zu machen, dass sich hungrige Menschen nur Lebensmittel genommen hätten.

"Es kann doch nicht sein, dass wir in einem reichen Land Hunger haben", klagte einer der Plünderer. Die Menschen aber klauten wie im Rausch gleich alles, was nicht Niet und Nagel fest war. Da viele Argentinier nicht ohne Grund der Überzeugung sind, dass sich "die da oben"ständig selbst bedienen, gibt es auch immer weniger Hemmungen, selbst einmal etwas mitgehen zu lassen.

Öffentliche Moral verliert weiter an Bedeutung

Die Freilassung Menems aus der Untersuchungshaft und die faktische Einstellung aller Ermittlungen gegen ihn wegen illegaler Waffenexporte während seiner Amtszeit hat die öffentliche Moral zudem weiter zersetzt. Unterdessen stehen sich Hunderttausende Rentner jeden Monat vor den Banken die Beine in den Bauch, um mickrige Renten zu kassieren.

"Wenn ich immer meine Steuern bezahle, und die Lehrer meiner Kinder trotzdem kein Gehalt bekommen, dann muss in der Mitte jemand sitzen, der klaut", sagt ein junger Angestellter. Dann könne er sich das mit den Steuern eigentlich auch gleich sparen, fügt er Augen zwinkernd hinzu.

Die Mitte-Links-Regierung und die peronistische Opposition leisten sich unterdessen eine endlose und bisher ergebnislose Debatte über Dollarisierung oder doch besser Abwertung, Bezahlung der Auslandsschulden oder doch besser der Rentner, Schuldenabbau oder doch besser Wirtschaftswachstum.

Sogar der Internationale Währungsfonds (IWF) verlor Anfang Dezember die Geduld und fror weitere Finanzhilfen ein. Seither geht das Gespenst der Zahlungsunfähigkeit des mit 132 Milliarden Dollar (148 Mrd Euro/290 Mrd DM) verschuldeten Landes um.

Einbruch der Industrieproduktion

Fast täglich meldet eine neue Branche "Land unter". Fiat will sein Werk schließen und die Produktion ganz nach Brasilien verlegen. Allein im November brach die Industrieproduktion um 11,6 Prozent im Vergleich zum alles anderen als guten Vergleichsmonat des Vorjahres ein.

Seit Wirtschaftsminister Domingo Cavallo am 3. Dezember die Bankkonten teilweise einfrieren lies, um den verängstigten Anlegern die Plünderung ihrer Konten zu verbauen, fielen die Umsätze im Einzelhandel um etwa 50 Prozent.

Inzwischen werden die Stimmen immer lauter, die ein Ende der Dollarbindung des Peso und eine Abwertung fordern. Anders sei die Wettbewerbsfähigkeit Argentiniens und wirtschaftliches Wachstum nicht wiederherzustellen.

Cavallo aber hält mit der Warnung vor der Rückkehr der Hyperinflation dagegen. Er will stattdessen die Kosten des aufgeblähten und von Vetternwirtschaft geprägten Staates senken, die Last der 132 Milliarden Dollar Auslandsschulden vermindern und damit die Voraussetzungen für einen Aufschwung schaffen.

Sozialminister Daniel Sartor, der umgerechnet 17 500 DM pro Monat verdient, bereitet unterdessen die Verteilung von Lebensmittelpaketen vor. Die Provinzen drucken sich inzwischen munter Fantasiegeld und denken überhaupt nicht daran, die Kosten zu senken. "Wenn die Eliten sich weiterhin so verantwortungslos verhalten, verlieren wir nach der Kreditwürdigkeit auch noch die Demokratie", warnt ein junger Akademiker.

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