Freud und Leid eines deutschen Managers in Bolivien
Wilde Zeiten in La Paz

Jürgen Kurz soll den bolivianischen Netzanbieter Cotel aus der Krise führen und stößt auf massiven Widerstand. Sein Hauptproblem ist die Korruption.

LA PAZ. Die Vorhänge im Vorstandsbüro der Cotel-Zentrale sind fast immer geschlossen. Nur selten lassen sie den Blick aus den Fenstern auf La Paz und seinen schneebedeckten Vulkan, den fast 6 500 Meter hohen Illimani, frei. Jürgen Kurz, Vorstandsvorsitzender des bolivianischen Telekommunikationsunternehmens, späht durch die Ritzen der Lamellen hinunter auf die Prachtstraße der Hauptstadt, den Prado. Dort laufen Demonstranten auf und ab. So wie jetzt fast jeden Tag.

Vor ein paar Wochen noch brüllten sie "Alemanes fuera!" - Deutsche raus. Sie beschimpften Kurz als "Schande für die Menschlichkeit" und "Autor des II. Weltkriegs". Manche trugen Plakate mit Totenköpfen und Hakenkreuz.

Kurz lässt sich nichts anmerken. Seine Ruhe ist seine beste Waffe. "Ich habe zehn Jahre in Afrika gearbeitet, wo auch raue Sitten herrschen. Ich bin daher einiges gewöhnt." Seitdem der 59-jährige Deutsche im August 2001 den Cotel-Chefposten in La Paz übernommen hat, vergeht fast kein Tag, an dem er nicht beleidigt, bedroht oder angeklagt wird. Manche seiner Mitarbeiter erhielten sogar Morddrohungen.

"Demonstrationsfolklore"

Als die Deutsche Botschaft sich bei der Regierung wegen der Beleidigungen beschwerte, winkte der Arbeitsminister ab: Das alles sei doch nur "Demonstrationsfolklore". Kein Wunder, denn hinter den Intrigen und Machenschaften gegen Kurz und Co steckt eine korrupte Clique von Mitgliedern der Gewerkschaft, des Cotel-Verwaltungsrates und - des Arbeitsministeriums. "Die wollen uns raus schmeißen", meint Kurz. Gewerkschaftsführer von Cotel sollen mit Italcom bereits über eine Übernahme verhandelt und dafür Schecks erhalten haben.

Dabei fing alles so gut an: Nach der Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes im vergangenen Jahr suchte die bolivianische Aufsichtsbehörde ein Unternehmen, das die verlustbringende Cotel auf Vordermann bringen sollte. Die Detecon, eine 51-prozentige Tochter der Deutschen Telekom, übernahm den Job und setzte im Management Cotels ein Team aus fünf Mitarbeitern, an der Spitze Jürgen Kurz, ein.

"Wir wollten aus Cotel ein wettbewerbsfähiges Unternehmen machen. Wir hätten aber nie gedacht, dass die Verstrickung mit privaten Interessen, also einer Gruppe von Leuten, die Cotel als Selbstbedienungsladen sieht, so groß ist", sagt Kurz. Aus der Cotel-Kasse sollen sich die Partei des Arbeitsministers, die Unidad Civica Solidaridad (UCS), und die Gewerkschaft bedient haben. In den vergangenen zehn Jahren hätten sie über 60 Millionen Dollar für Wahlkämpfe, Schmiergelder und für die Privatschatulle entwendet.

Auf keinen Fall aufgeben

"Die Cotel ist ein riesiger Sumpf. Dass Kurz nicht einfach alles hinwirft, ist bewundernswert", staunt Jörg Zehnle, Geschäftsführer der Deutsch-Bolivianischen Handelskammer in La Paz. Von Aufgeben war bei Kurz bisher nichts zu spüren, im Gegenteil. Zuerst schmiss er den harten Kern der Korrupten aus dem Unternehmen raus. Die Gewerkschaft sah rot und rief zum Hungerstreik auf. Kurz ließ daraufhin die Streikenden aus der Zentrale entfernen und Demonstranten, die bereits das Tor zur Zentrale eingerissen hatten, mit Polizeigewalt verjagen - gute Kontakte zum Innenministerium machten es möglich.



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Doch der Kampf ging weiter. Eines Tages flatterte ein Bußgeldbescheid vom Arbeitsminister auf seinen Schreibtisch im neunten Stock. Weil die Detecon angeblich nicht alle Bedingungen erfüllt hatte, die man braucht, um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, sollte sie 70 000 Euro zahlen. Kurz gab jetzt richtig Gas: Für sein Unternehmen holte er den besten Anwalt der Stadt - einen Deutschen - ließ Beschwerde beim Minister des Präsidial-amtes einreichen, schaltete Anzeigen für Cotel in den Zeitungen, mobilisierte die Journalisten, hielt täglich Pressekonferenzen ab - und der Arbeitsminister ließ die Anzeige wegen "formaler Fehler" fallen.

Das I-Tüpfelchen: Als Kurz mit dem deutschen Botschafter zu einem Krisengespräch bei Jorge Quiroga, dem bolivianischen Präsidenten, zusammentraf, trat der Arbeitsminister zurück. Die Tageszeitung El Diario hatte schwere Korruptionsvorwürfe gegen ihn vorgebracht, die aus einer internen Studie stammten. Darunter wurde auch die versuchte Erpressung von Detecon durch die Bußgeldbescheide erwähnt. Kurz ganz groß.

Der Druck der Gewerkschaften bleibt

Der Druck der Kritiker, vor allem der Gewerkschaft, jedoch bleibt. Und ihre Anklagen sind nicht immer unberechtigt. So hat es die Detecon zum Beispiel trotz Hinweise verschiedener Fachleute versäumt, sich beim Vertragsabschluss in das Handelsregister eintragen zu lassen. Die Tageszeitung "La Razon" schreibt zudem von einer großen Niederlage Detecons, weil Kurz auf Druck des neuen Arbeitsministers einige der rausgeworfenen Cotel-Mitarbeiter wieder einstellen musste.

Trotz Kritik und Demonstrationen fühlt sich Kurz jedoch auf dem richtigen Weg. Oft wird er von wildfremden Bolivianern angesprochen. Sie schütteln ihm die Hände, gratulieren ihm zu seiner Standhaftigkeit und dem Job, den er mit seinem Team bei Cotel macht. Denn die Einheimischen haben das bolivianische System satt: Ihr Land gilt als das korrupteste Amerikas. "Diese Menschen sind für uns die größte Motivation", sagt Kurz strahlend.

Noch vier Jahre will er bei der Cotel bleiben - bis sein Vertrag ausläuft . Am 30. Juni sind Parlamentswahlen und aller Wahrscheinlich nach wird es eine neue Regierung geben: "Auch sie wird uns unterstützen", ist sich Kurz sicher, "denn bei einem Scheitern der Detecon, wäre das eine schwere Belastung für ein weiteres deutsches Engagement in Bolivien."

Quelle: Handelsblatt

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