Freude am Gehen
Masai Barefoot: Der Anti-Schuh

Mit einem provokanten Designkonzept hat die Schweizer Firma Masai Marketing & Trading einen neuartigen Schuh kreiert. Aber auch wenn seine „Masai Barefoot Technologie“ noch so fortschrittlich sein mag - ästhetisch ist der Schuh unter keinen Umständen akzeptabel. Dafür verspricht er ein neuartiges Geherlebnis.
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Mit seinem Buch „Never Leave Well Enough Alone“ beschrieb Raymond Loewy in den 50er-Jahren den Grundsatz modernen markenstrategischen Designs. Er nannte es „Maya“. Sein Credo: Produkte dürfen weder zu konservativ noch zu innovativ sein, sondern müssen „most advanced yet acceptable“ sein. Egal, welche technischen Besonderheiten, welche funktionalen Vorteile ein Produkt zu bieten hat, es muss Menschen anziehen, ohne sie zu verunsichern.

Die Dinge müssen einfach gefallen, denn „Hässlichkeit verkauft sich schlecht“, so die deutsche Übersetzung seines Buchtitels. Interessant für den heutigen Betrachter ist die Tatsache, dass das Wort Hässlichkeit mit Loewy eine marktwirtschaftliche Dimension erlangt. Auch ein objektiv schöner Gegenstand, der den Geschmack der Konsumenten überfordert, kann ein hässliches Produkt sein.

Es herrscht in der Produktlandschaft heute ein Durchschnittsniveau von Güte und Schönheit – was aber eher langweilig ist. Den Reiz der Hässlichkeit – die man durchaus als Besonderheit oder Persönlichkeit bezeichnen könnte – nutzen nur wenige Marken. Eine verpasste Chance! Denn mit selbstbewusster Hässlichkeit lässt sich – wenn die Inhalte stimmen – ein durchaus erfolgreiches Marketing betreiben.

Wird Hässlichkeit als die Nichtanpassung an etablierte Gewohnheiten interpretiert, als Wunsch, gegen den Strom zu schwimmen, dann sind die MBT-Schuhe ein passendes Beispiel. Noch bevor man sich die Frage stellt, warum diese Schuhe so aussehen, wie sie aussehen, fällt das Urteil: klobig, instabil, unproportioniert, einfach hässlich.

Mag die „Masai Barefoot Technologie“ technologisch fortschrittlich sein, ästhetisch ist sie unter keinen Umständen akzeptabel. Anders als andere Schuhe der Welt versprechen MBTs allerdings ein neues Geherlebnis – wie auf Sand oder Reisfeldern. Dabei werden die Knie 20 Prozent weniger belastet – Beine, Po und Rücken hingegen trainiert.

Die Entwickler versprechen Freude am Gehen. Doch freudig ist die Markenbotschaft nicht, eher feindlich: MBT positioniert sich als „Anti-Schuh“. Einer gegen alle. Entweder ist man dafür oder dagegen. Ein paar Millionen Mutige haben sich für den Schuh entschieden – darunter einige Prominenz. Inzwischen gibt es auch weitere Modelle der MBT-Kollektion: bunte Midnight-Sneakers und Tambo-Stiefel. Langsam gewöhnt man sich an die Hässlichkeit. Irgendwann findet man sie wahrscheinlich akzeptabel, gar schön – ohne dass man sie schöner gemacht hat. Und dann geht die Post ab – wie Loewy voraussagt.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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