Freunde meiden sich oder reden nicht mehr miteinander
Amerikaner sind im Wahlstress

Die Amerikaner sind froh, wenn die Würfel endlich gefallen sind: Die diesjährige Präsidentenwahl spaltet nicht nur die Nation, sie spaltet auch viele Paare und Familien. Bei vielen Familien hängt deshalb der Haussegen schief.

HB WASHINGTON. Dennis Foster hat nur einen Wunsch. "Ich bete jeden Tag, lieber Gott, lass es am Dienstagabend vorbei sein." Bei den Fosters in Washington hängt seit Monaten der Haussegen schief. Der Grund: Sie wählt John Kerry, er wählt George W. Bush. "Nicht ein Tag vergeht, ohne dass wir uns in den Haaren liegen", schildert der Grundschullehrer. "Ganz schlimm war es nach den Fernsehdebatten der Kandidaten. Die letzte haben wir uns vorsichtshalber nicht mehr zusammen angesehen."

Die Fosters sind kein Einzelfall. Die diesjährige Präsidentenwahl spaltet nicht nur die Nation, sie spaltet auch viele Paare und Familien. Freunde meiden sich oder reden nicht mehr miteinander. Eheberater in allen Landesteilen haben Hochkonjunktur. Und manchmal wird es gar gewalttätig - wie kürzlich bei einem Streit über Bush und den Irakkrieg zwischen einem jungen Marineinfanteristen und seiner Freundin in Florida, die für Kerry stimmen will. "Du wirst den Wahltag nicht erleben", schrie er wutschnaubend und stürzte sich mit dem Messer auf sie. Die Polizei konnte noch rechtzeitig eingreifen.

"Die Gemüter bei dieser Wahl sind so erregt, dass politische Diskussionen persönlich werden", zitiert die "New York Times" den Psychiater Alan Manevitz. "Der Ehemann oder die Ehefrau sagen: Bush ist dumm, Du bist für Bush, also bist Du auch dumm." Manevitz schildert einen Fall vor wenigen Wochen, als sich ein junges Pärchen trotz Beratung trennte. Ihre letzte Bemerkung, bevor sie aus der Praxis ging: "Er ist ein Republikaner."

Denise Lamb von der Wahlbehörde in New Mexico spricht von einem Wahlstress in ihrem Bundesstaat, wie sie ihn noch nie erlebt hat. "Die Wähler sind nervös, die (als Wahlbeobachter bereit stehenden) Anwälte verhalten sich feindselig, und die Wahlhelfer sind so erschöpft wie noch nie."

Der Wunsch, dass es möglichst rasch einen Sieger gibt, beseelt auch die meisten Einwohner in der Spielermetropole Reno in Nevada, einem der Schlüsselstaaten bei dieser Wahl. Durchschnittlich 60 politischen Fernseh-Werbespots sind hier die Bürger seit April tagtäglich ausgesetzt gewesen. "Es fängt frühmorgens kurz nach fünf an und endet erst um Mitternacht", sagt Craig Green. "Ich kann diese Stimmen, die wie aus dem Grab das Ende der Welt ankündigen, wenn jeweils der andere Kandidat gewinnt, nicht mehr ertragen."

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