Freundlich, ja - Stimmung, nein
Fußball in einer anderen Welt

Japaner und Koreaner haben großartige Stadien gebaut. Die Spiele schauen sie fleißig an. Trotzdem könnte diese Fußball-WM zur stimmungsärmsten aller Zeiten werden.

TOKIO/SAPPORO. Die Pärchen lieben den großen Platz vor dem International Forum im Tokioter Einkaufsviertel Ginza. Eng aneinander geschmiegt sitzen sie auch an diesem Samstagabend auf Bänken, umsäumt von noch jungen Bäumen, Oasen in einem Meer aus Beton. Die paar Jubelrufe aus den Restaurants ums Eck nimmt niemand wahr. Michael Ballack? 3:0 für Deutschland gegen Saudi-Arabien? Fußball, so scheint?s, wird in einer anderen Welt gespielt.

Die Stimmen kommen vom hinteren Ende des Platzes, aus dem Nakata.net-Café. Hidetoshi Nakata, der Star der japanischen Nationalmannschaft, hat hier im zweiten Stock einen Fußball-Treff eingerichtet. "Es ist die einzige Möglichkeit, sich in Ginza das Spiel anzuschauen", sagt Shinya Omi, der gerade von der Arbeit in seinem Reisebüro kommt. Auf der großen Leinwand am benachbarten Bahnhof Yurakucho wird an diesem Abend nicht das WM-Spiel übertragen, sondern ein regionales Baseballspiel. Das zeigt, welche Sportart hier die Nummer eins ist. Aber selbst im Fußball-Café hält sich die Euphorie in Grenzen. Zustimmendes oder kritisches Gemurmel, bei jedem Tor ein beifälliges Rufen. Der Geräuschpegel bleibt so niedrig, dass die Pärchen unten ungestört bleiben.

Japan stellt, gemeinsam mit Südkorea, den Rahmen für die Weltmeisterschaft, aber die Japaner spielen nicht recht mit. "Der Fußball ist einfach noch sehr jung hier", sagt Fußballfan Omi, der auch die deutsche Bundesliga seit Jahren verfolgt. Mittlerweile üben zwar fast so viele Schulkinder Fußball wie Baseball. Aber sie schauen sich die Übertragungen im Zweifel zu Hause bei ihren Eltern an. Bis eine Fangemeinde gewachsen ist, deren Begeisterung auf die Straßen schwappt, werden noch einige Jahre vergehen.

"Das wird wohl eher eine stille WM werden"

Zwar machen japanische Zeitungen mit der WM auf - "Japan kann?s nicht mehr abwarten", glaubt sogar die japanische Wirtschaftszeitung Nihon Kaezei vor dem ersten Spiel der heimischen Mannschaft. Zwar rechnen die Fernsehsender mit Rekordeinschaltquoten für die Spiele der japanischen Mannschaft - so wie schon vor vier Jahren bei der WM in Frankreich. Sogar der Konsum, so hofft die Regierung, könnte angekurbelt werden.

Aber von all dem spürt der gemeine Fan kaum einen Hauch. "Das wird wohl eher eine stille WM werden", meint Paul Sanders, ein Fan, der aus Großbritannien angereist ist. Ausländische Fans gibt es wegen der hohen Preise in Japan wenige - im Unterschied zur WM in den USA 1994, als die Stimmung importiert wurde, oder Zuwanderer dafür sorgten. Auch im riesigen Oval des Stadions von Sapporo kommt die Befürchtung auf, diese WM könnte zur stimmungsärmsten aller Zeiten werden. Der eingefleischte deutsche Stadionbesucher fühlt sich ein bisschen wie beim Tennis. Während der Ballwechsel herrscht eine Ruhe, als würde ein Leichenteppich über die Ränge gezogen. Erst wenn sich der Ball einem Strafraum nähert, rufen die japanischen Zuschauer in überraschender Lautstärke im Kollektiv "Ohh" und "Ahh". Dasselbe bei dem Salto des deutschen Stürmers Miroslav Klose nach seinem zweiten Tor. Und immer, wenn der kahlköpfige Hüne Carsten Jancker den Ball berührt. Aber ansonsten: Ruhe. Keine Schreie, keine Gesänge, keine Plakate. Keine La Ola, kein Wellenschlag unter den meist japanischen Zuschauern.

Stell dir vor in Japan ist WM - und keiner merkt es...

Der Mittelstürmer Oliver Bierhoff wird nach dem Spiel zu den Journalisten sagen: "Ich habe euch oben reden gehört." Oben, auf der riesigen Pressetribüne, weit weg von ihm. Auf Schalke, ein ähnliches Stadion, können die Spieler oft die Anweisungen der Trainer nicht hören. Mittelfeldmann Bernd Schneider wird anmerken: "Wenn ich auf meiner Playstation Fußball spiele, ist da mehr Stimmung."

Jede deutsche Bundesliga-Stadt pulsiert schon bei einem normalen Liga-Spiel mehr. Einzig im Odori Park haben sich einige deutsche und japanische Fans eingefunden, mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge auf der Backe. Die Japaner stehen für die kostenlose "Zinedine Zidane Suppe" an. Ein Wächter in blauer Uniform und weißen Handschuhen steht am Ende der Schlange. Er hält ein Schild: "End of Cue" ist dort zu lesen.

Die Weltmeisterschaft soll dem Fußball in Asien einen Schub geben. Während in Seoul mehr zu spüren sein soll, merkt man in Japan kaum, dass hier das vielleicht größte Sportereignis aller Zeiten stattfindet. Außer in Sportbars steht fast nirgendwo ein Fernseher. Nachdem die Medien die Angst vor Hooligans bis zum Lächerlichen geschürt hatten, befürchten viele Kneipenbesitzer Ausschreitungen. Selbst in der Hotellobby hätten sie das Spiel Deutschland gegen Saudi-Arabien nicht anschauen dürfen, beschwerten sich deutsche Fans in Sapporo.

Warten auf das erste Spiel der Japaner

"Abwarten, bis die Japaner am Dienstag spielen", sagt Davide Radaelli aus Italien im Nakata.net-Café. "Dann wird die Stimmung anziehen." Hirouki Irai, 29 Jahre und Fußballfan seit seiner Kindheit, steht mit einem Bier in der Hand daneben und ergänzt: "Wenn die Japaner ein paar Spiele gewinnen, dann steigt das Interesse bestimmt. Die Japaner sind für Modeerscheinungen zu begeistern." Allerdings, räumt er ein, sei das Interesse bestimmt so gut wie tot, wenn die Japaner ihre ersten Spiele verlieren.

Zufrieden sind an diesem Abend die irischen Fans. Während das deutsche Team im Norden Japans in der zweiten Halbzeit kräftig nachlegt, feiert Padraig Smith mit Hunderten Fans in den Straßen von Roppongi das Unentschieden gegen Kamerun. Ins Vergnügungs- und Ausländerviertel Tokios fahren die japanischen Fernsehteams, um Fans vor die Kamera zu bekommen, um die importierte Stimmung einzufangen. Die Irish Pubs sind bis auf den letzten Platz voll, die Straßen wimmeln von grünen Trikots. "Eine Traumbühne vor unseren Augen", schreibt die Tageszeitung Mainichi Shinbun.

Lob für die Freundlichkeit der Gastgeber

An der belebtesten Kreuzung in Roppongi stehen mehr als 20 Polizisten und schauen misstrauisch, wenn die Iren skandieren. "Aber wir hatten heute keinen Zwischenfall", sagt einer von ihnen. Padraig Smith und seine Freunde haben das ihre dazu getan, das Hooligan-Image abzubauen. Im Stadion, erzählen sie, hätten sie vielen Japanern die Hände geschüttelt. "Die sind alle superfreundlich hier. Sie haben grüne Shirts mitgebracht und richtig mit uns Stimmung gemacht", überschlägt er sich mit Lob für die Gastgeber.

Vielleicht ist nur ein leichtes Anschubsen nötig, um das japanische Publikum für die noch neue Sportart zu begeistern. Wer einmal bei einem Baseballspiel in Japan war, weiß, dass sich Japaner begeistern können.

Wenige Tage nach dem Ende der Weltmeisterschaft schließt das Nakata-Net-Café wieder. Die Einrichtung soll über die Homepage des Fußballprofis versteigert werden. Dann wird auf dem weiten Platz im Nobelbezirk Ginza nichts mehr an Fußball erinnern. Wenn das mal kein Omen für den Fußball in Japan ist.

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