Friedenspreisträger
Jürgen Habermas: Ein auch in China gefeierter Denker

Der neue Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Jürgen Habermas, ist einer der größten deutschen zeitgenössischen Denker. Der 72-Jährige ist weltweit - bis in die Volksrepublik China hinein - geschätzt.

dpa FRANKFURT/MAIN. Der Philosoph und Soziologe Habermas hat den gesellschaftlichen Diskurs in den vergangenen Jahrzehnten intensiv analysiert und mitbestimmt. Er war ein Vordenker der Studentenbewegung. Von radikalen Strömungen distanzierte er sich aber. In einer Debatte mit Rudi Dutschke bezeichnete er damals dessen Ansichten als "linken Faschismus".

Seine geistige Heimat hat der gebürtige Düsseldorfer Habermas in der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer begründeten "Frankfurter Schule". Deren "Kritische Theorie" wollte er aus dem universitären Elfenbeinturm heraus in die Gesellschaft tragen. Immer wiederkehrende Motive in seinen Schriften, darunter sein 1981 erschienenes Hauptwerk "Die Theorie des kommunikativen Handelns", sind die herrschaftsfreie Kommunikation, die Bindung staatlicher Macht an öffentliche Meinungs- und Willensbildungsprozesse sowie die Zivilisierung der politischen Herrschaft. Er befürwortet einen "Verfassungspatriotismus".

Von 1955 bis 1959 war Habermas Assistent am Frankfurter Institut für Sozialforschung, später Professor für Soziologie und Philosophie an der Universität. Dort wurde er 1994 emeritiert. Zwischenzeitlich (1971-80) war Habermas Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftliche-technischen Welt in Starnberg, dann Max-Planck-Direktor für Sozialwissenschaften in Starnberg. Dort lebt er heute.

Historikerstreit ausgelöst

Mitte der 80er Jahre löste er mit einer Replik auf Ernst Nolte den Historikerstreit aus. Dabei kritisierte Habermas die Thesen Noltes, der die Einzigartigkeit des NS-Völkermords in Frage stellte und mit den Verbrechen Stalins in Verbindung brachte. Habermas sah in dieser "Relativierung" den Versuch, diesen Teil der deutschen Geschichte "einzuebnen".

Die NATO-Angriffe im Kosovokrieg 1999 rechtfertigte Habermas als "Sprung auf dem Weg des klassischen Völkerrechts der Staaten zum kosmopolitischen Recht einer Weltbürgergesellschaft". Bei einem China-Besuch im April hielt Habermas Vorträge vor bis zu 2 000 Studenten und Intellektuellen, plädierte für die Einhaltung individueller Menschenrechte und wurde gefeiert wie ein Popstar.

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