Frisierte Jahresabschlüsse lassen den Ruf nach mehr Kontrolle lauter werden
Konzerne und Prüfer wollen unter sich bleiben

Skandale bei börsennotierten Unternehmen haben das Image der Wirtschaftsprüfer angekratzt. Experten fordern eine bessere Kontrolle der Jahresabschlüsse durch zwei unabhängige Wirtschaftsprüfer. Doch die großen Prüfungsgesellschaften und ihre Mandanten fürchten höhere Kosten und Reibungsverluste.

DÜSSELDORF. Zahlreiche Bilanzskandale haben die Wirtschaftsprüfer ins Gerede gebracht. Nach Fällen wie Enron, Comroad und Phenomedia werden nun die Forderungen nach stärkerer Kontrolle der Jahresabschlüsse lauter. Experten wie Bernd Rödl und Stefan Lutz schlagen vor, dass künftig zwei unabhängige Prüfer die Jahresabschlüsse unter die Lupe nehmen. Während kleine und mittlere Prüfungsgesellschaften einem solchen Joint Audit zustimmen, behagt diese Vorstellung vielen großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und deren Mandanten überhaupt nicht.

"Niemand käme auf die Idee, ein Flugzeug von mehreren verantwortlichen Piloten fliegen zu lassen", betont eine Sprecherin vom Prüfungs-Riesen Pricewaterhouse Coopers. In der Sache brächten Gemeinschaftsprüfungen nicht mehr Sicherheit. Im Gegenteil würden die Abstimmungen komplizierter und die Gefahr von Informationsverlusten wachse. Auch gehe die klare Verantwortlichkeit eines Prüfers verloren.

Vorsichtigere Skepsis bei Ernst & Young (E & Y): "Im Allgemeinen halte ich einen Joint Audit nicht für notwendig, in besonderen Situationen kann der doppelte Aufwand jedoch sinnvoll sein.", sagt Norbert Pfitzer, Vorstandsmitglied und Chef-Wirtschaftsprüfer bei E & Y dem Handelsblatt. Allerdings steige der Koordinations- und Abstimmungsaufwand, "und dadurch steigen auch die Kosten für den Mandanten", gibt er zu bedenken.

Bernd Rödl, Chef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl & Partner, der beim skandalgeschüttelten Münchner Telematik-Anbieter Comroad als Sonderprüfer die von KPMG testierten Jahresabschlüsse unter die Lupe nimmt, sieht eindeutig mehr Argumente für ein Joint Audit. Dabei würden sich die Prüfungsgesellschaften während der Arbeit gegenseitig kontrollieren. Die Verantwortlichkeit der Prüfer bleibe erhalten. Zudem ergebe sich eine stärkere Unabhängigkeit des Prüfers von Vorstand und Aufsichtsrat und - was mögliche Betrügereien betrifft: "Es ist schwieriger, zwei Prüfer zu täuschen".

Auch Stefan Lutz von der Marzas Revision & Treuhand ist der Auffassung, dass Joint Audit der Prüfungsqualität dient. "In Frankreich hat sich dieses System bereits seit Jahrzehnten als Instrument der Qualitätssicherung bewährt". In Deutschland sei Joint Audit noch zu wenig verbreitet.

Für den Saabrücker Betriebswirtschaftsprofessor Karlheinz Küting macht eine gemeinschaftliche Prüfung Sinn: "Wenn man Joint Audit so auffasst, dass es keine Verdoppelung der Prüfungstätigkeit ist, sondern eine Aufteilung der Aufgaben, wäre dies eine durchaus akzeptable und diskussionswürdige Lösung. Der eine passt auf den anderen auf. Küting zu der überwiegend ablehnenden Haltung der großen Prüfungskonzerne: "Die wollen sich nicht in die Karten schauen lassen".

Aber auch die Mandantenseite ist vom Joint Audit nicht begeistert. "Die Einschaltung einer zweiten, zusätzlichen Prüfungsgesellschaft garantiert nicht automatisch bessere Prüfungsergebnisse", meint Hero Brahms, Finanzvorstand der Linde AG. Siemens und Henkel nutzen eine entsprechende Anfrage zu spontanen Treuebekundungen. Tenor: "Wir bleiben bei einem Prüfer und sind zufrieden mit der Arbeit von KPMG". Henkel-Sprecher Lars Witteck: Eine zweite Prüfungsgesellschaft hinzuzuziehen, bedeute mehr Bürokratie und höheren Aufwand. In diesem Sinne auch der Kommentar aus der Bayer-Konzernzentrale: Der obligatorische Wechsel der Prüfer, den das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG) vorsehe, reiche aus.

Institutionelle Investoren sind geteilter Meinung. Während man sich beim deutschen Investment Trust eine gemeinsame Prüfung vorstellen kann, zeigt sich Uni Global skeptisch: "Wir halten Joint Audit Hinsichtlich einer Verbesserung der Prüfungsqualität für wenig vielversprechend", betont Fondsmanager Thomas Meier. "Wichtiger sind eine klare Trennung zwischen Prüfung und einem eventuell bestehenden Beratungsmandat sowie ein häufigerer Wechsel der Prüfungsgesellschaft."

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